Venture Capital

Blick auf den Standort Europa

Venture Capital: Blick auf den Standort Europa
© Fritz Beck

Risikokapital stimuliert Innovation und fördert Wachstum - auch hierzulande. Christina Moehrle über den gesamtwirtschaftlichen Beitrag von Venture Capital in Europa.

23. Jan 2013

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Der bisherige Erfolg der USA, vor allem im Bereich High-Tech, wird zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf die langjährige Existenz und den massiven Umfang der dortigen Venture Capital-Aktivitäten zurückgeführt. Wo Banken ihrem Wesen nach eher konservativ und risikoscheu sind und junge, innovative, technologieorientierte Firmen meist weiträumig umschiffen, füllt Venture Capital eine gesamtwirtschaftlich wichtige Finanzierungslücke, stimuliert Innovation, fördert neues Unternehmertum und das Wachstum der Produktivität einer Wirtschaft - so zumindest die graue Theorie. Für die USA ist dies mittlerweile durch mehrere Praxisstudien belegt. Aber trifft dies auch auf deutsche beziehungsweise europäische Verhältnisse zu?

Die Europäische Zentralbank hat sich im Jahr 2009 dieser Frage angenommen und kommt in ihrem Papier zu dem Schluss, dass der Effekt in der Tat auch für Europa Gültigkeit hat - siehe: ECB Working Paper Series No. 1078 (August 2009, PDF). Nach ihrer eingehenden Analyse wird die Anzahl der neuen Firmengründungen diesseits des Atlantiks von Private Equity im Allgemeinen, und von Venture Capital im Besonderen, signifikant positiv beeinflusst. Genauer gesagt: Je höher die Quote an Private Equity Investments zum Bruttosozialprodukt eines Landes im Betrachtungszeitraum ausfiel, desto höher war auch ihr positiver Effekt auf Firmenneugründungen.

Zum Vergleich: Aktuell liegt Deutschland mit diesem Faktor bei etwa 0,24 Prozent auf Rang 12 innerhalb Europas, noch hinter dem europäischen Durchschnitt von etwa 0,33 Prozent. Prozentual deutlich aktiver sind vor allem die nordischen Kollegen sowie Großbritannien und Frankreich (vgl. European Private Equity and Venture Capital Association, EVCA). Insgesamt, und das deutet bereits darauf hin, was hinsichtlich Venture Capital hierzulande noch im Argen liegen mag, beträgt Europas Quote an VC-Investments zum Bruttosozialprodukt nur in etwa ein Viertel der der USA (vgl. National Venture Capital Association (NVCA), EVCA).

EZB sendet wichtige Signale

Zurück zur EZB-Studie: Der statistisch signifikante Effekt des Risikokapitals war interessanterweise auch dann noch zu beobachten, als sonstige Markteintrittsbarrieren wie rechtliche Hürden für Neuunternehmer, Gründungskosten oder das generelle unternehmerische Klima eines Landes eher nachteilig für das Entstehen innovativer Marktteilnehmer waren – Zustände, wie sie häufig Europa und insbesondere Deutschland attestiert werden. Insofern kann Venture Capital hier einiges bewirken, wenn auch nicht allein. Einflussfaktoren wie beispielweise qualifiziertes „Humankapital“, geringe staatliche Arbeitsmarktregulierung und ein hoher Schutz der geistigen Eigentumsrechte spielen eine bedeutende Rolle für Unternehmensneugründungen, wenn sich Risikokapital auch in seinem Beitrag alles andere als dahinter verstecken muss. Die Innovationskraft der europäischen Wirtschaft wurde durch Venture Capital eindeutig gestärkt – ein wichtiges Signal der EZB-Studie.

Dies dürfte die renditeorientierten Investoren allerdings noch nicht zu einem deutlich höheren Engagement in dieser Anlageklasse motivieren. Die Injektion von Volumen allein, beispielsweise aus staatlichen Töpfen, löst das Problem nicht, meint auch der European Investment Fonds (EIF), eine Tochter der European Investment Bank, die sich der Risikofinanzierung kleiner und mittelgroßer Firmen unter anderem über Intermediäre wie Venture Capital-Gesellschaften widmet.

In einem Arbeitspapier aus dem Jahr 2011 zur Ursachenforschung der relativ geringeren Performance des europäischen Venture Capital gegenüber dem der USA sieht der EIF mehrere Einflussfaktoren, die aber das gesamte Ökosystem beträfen und nicht zwingend auf Versäumnissen der Venture-Szene beruhen müssten. Auf die kritische Masse des Markts käme es an – ein Faktor, der allerdings nicht künstlich kreiert werden könne, sondern heranreifen müsse. Insofern steht Venture Capital in Europa wohl derzeit vor einem klassischen Henne-Ei-Problem: Was kommt zuerst, kritische Masse oder funktionierendes Ökosystem, attraktive Renditen oder deutlich erhöhte Fundraising-Mittel, einschlägige Investment-Erfolge oder Zuwachs an Unternehmerkultur?

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