Peter Bofinger, Sachverständiger

Der Irrsinn muss gestoppt werden!

Die halbherzige und teilweise sinnlose Wirtschaftspolitik der schwarz-gelben Koalition bringt kaum Impulse für Unternehmen und Verbraucher, und unser Bildungssystem ist in Gefahr, mahnt Peter Bofinger im Gespräch mit CFOworld.

von Sascha Alexander und Alexa von Busse, am 2. Dezember 2009

Peter Bofinger, Sachverständiger, Uni Würzburg

Sachverständiger Prof. Dr. Peter Bofinger (rechts), Volkswirtschaftler an der Universität Würzburg, macht sich Sorgen, dass Deutschland bei Bildung und Infrastruktur den Anschluss an die Weltspitze verlieren könnte.

 

Der schwarz-gelbe Koaltionsvertrag sorgt landauf, landab für Empörung und Enttäuschung. Vielen gehen die bislang geplanten Maßnahmen nicht weit genug oder sie halten sie schlicht für Unfug. Zu den Kritikern gehört auch der Sachverständigenrat, dem Peter Bofinger angehört. Lesen Sie, was den Wirtschaftsexperten derzeit besonders beunruhigt und wo er Ansätze für eine Konjunktursteigerung sieht.

 

CFOworld: Sie haben kürzlich vor einem "brutalen Sparkurs" der Bundesregierung für 2010 und einem "Schmalspurstaat" als Folge der schwarz-gelben Steuerpläne und miesen Lage der öffentlichen Haushalte gewarnt. Wo könnte es dennoch staatlich Impulse für die Volkswirtschaft und Anreize für Unternehmen geben?

Bofinger: Der Staat könnte mehr Abschreibungsmöglichkeiten schaffen, insbesondere bei Immobilien. Bislang nutzen private Haushalte den Kauf von Häusern und Wohnungen zu wenig für die Altersvorsorge. Wir haben die niedrigste Eigenheimquote unter allen Industrieländern.
Ebenso gehört die Abgeltungssteuer auf Zinseinnahmen abgeschafft. Sie führt nur dazu, dass Menschen ihr Geld bunkern, statt es zu investieren, und viele Anleger schlechter gestellt werden: Ein Aktionär hat heute eine fast doppelt so hohe Steuerbelastungen wie derjenige, der sein Geld als Anleihekäufer gibt.

 


CFOworld: Sie hatten aber früher schon einmal gesagt, dass Sie keine Abschaffung erwarten.

Bofinger: Man muss trotzdem eine Lobby aufbauen und hoffen, dass irgendwann die Leute sagen: „Der Irrsinn muss gestoppt werden!“

 

Degressive Abschreibungen verlängern

 


CFOworld: Wo könnte die Koalition speziell für Unternehmen Anreize schaffen?

Bofinger: Vielleicht würde es helfen, die degressive Abschreibung von Wirtschaftsgütern, die bis Ende 2010 für Anschaffungen möglich ist, noch einmal zu verlängern. Ansonsten sehe ich keine direkten Anreize für Unternehmen. Ebenso rechne ich angesichts der unausgelasteten Kapazitäten in Deutschland nicht mit Neueinstellungen in 2010, sondern hoffe vielmehr, dass sich die Entlassungen in Grenzen halten werden.

 


CFOworld: Sie sind vor allem von der FDP enttäuscht…

Bofinger: Ja, denn die FDP steht doch im Ruf, wirtschafts- und mittelstandsfreundlich zu sein, und alles daran zu setzen, dass Investieren sich wieder lohnt. Doch bislang ist davon nichts zu erkennen (lesen Sie hier mehr zum Koaltionsvertrag und seine Folgen für Unternehmen).

 

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