Anshu Jain im Portrait

"Der Preis für meine Talente ist hoch"

Anshu Jain im Portrait: "Der Preis für meine Talente ist hoch"
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Wie viel verdiente Anshu Jain, als er sein Gehalt noch nicht ausweisen musste? Georg Meck suchte vergeblich nach genauen Zahlen. Sicher scheint nur: mehr als Josef Ackermann.

21. Okt 2012

Mit dem Geld und der Gerechtigkeit verhalte es sich ganz simpel, sagt Anshu Jain im Zwiegespräch. »Jeder Mensch hat Talente, Georg«, führt er aus: »Sie haben Talente, ich habe Talente. Für meine ist der Preis hoch, für ihre niedriger. Schlecht für Sie, gut für mich.« Noch Fragen? Der Mann meint das nicht böse. So ist die Welt nun mal.

Der Professor im Hörsaal könnte es nicht prägnanter formulieren: Der Markt, also Angebot und Nachfrage, regeln den Preis, auch den für die menschliche Arbeitskraft. Wer mag da richten über Gerechtigkeit und Moral? Einen besseren Maßstab gibt es nicht. Es ist auch keine Schande, wenn der Markt die eigenen Fähigkeiten niedriger einstuft als die von Anshu Jain: Höher wird derzeit niemand bewertet, zumindest kein Angestellter in Deutschland.

Ackermanns Gehalt als Untergrenze

Schon ohne die exakten Zahlen zu kennen, lässt sich eines mit Sicherheit festhalten: Kein Topmanager einer deutschen Firma hat in den vergangenen Jahren mehr verdient als Anshu Jain. In den einschlägigen Tabellen der Spitzenverdiener lag meist Josef Ackermann vorne (ehe ihn VW-Chef Martin Winterkorn 2012 verdrängte), mit Spitzengagen jenseits der 10 Millionen Euro. »Es gibt in der Bank Leute, die weit besser bezahlt werden als ich«, pflegte Josef Ackermann zu sagen: Gemeint waren die Kameraden in London mit Anshu Jain an der Spitze, dem auch von Leuten innerhalb der Bank ein Vielfaches der Ackermann-Bezüge nachgesagt wurde. Als eine erste Annäherung, als Untergrenze, mag deshalb Ackermanns Gehaltszettel dienen, der einzusehen ist.

Die großen börsennotierten Firmen müssen seit einigen Jahren die Gehälter ihrer Vorstände einzeln ausweisen, nicht aber die der Leute auf den unteren Hierarchiestufen, selbst wenn diese mehr verdienen: In diese Kategorie fiel Jain bis zum Jahr 2009, bis er in den Vorstand befördert wurde. Verdient hat er vorher mehr. Für Josef Ackermann ergeben die einschlägigen Berichte eine ziemlich runde Zahl: In den zehn Jahren als Bank-Chef bringt er es in der Summe auf knapp 100 Millionen Euro, ein stolzer Betrag, wenn auch bei Weitem nicht alles davon bar ausbezahlt wurde, sondern in Aktien. Und natürlich ist brutto nicht gleich netto. Anshu Jain liegt auf jeden Fall darüber, und zwar deutlich.

»Zwischen 200 und 300 Millionen Euro hat Herr Jain in all den Jahren insgesamt sicher nach Hause getragen«, schätzt einer der führenden Vergütungsexperten im Land. »Genau weiß das außer ihm keiner.« Verbürgt ist, dass Investmentbanker in aller Welt andere Gehälter aufrufen als gewöhnliche CEOs in Großkonzernen. In guten Jahren sind locker 40 bis 60 Millionen Dollar drin. Die »inzestuöse Vergütungspraxis« in den Banken sei dafür verantwortlich, erklärt der Berater: Man schaut nicht links, nicht rechts in andere Branchen, vergleicht sich nur innerhalb der engen Gruppe der hoch- und höchstbezahlten Investmentbanker.

"Jedes Sparbuch rentiert sich besser"

Der Würzburger Bankenprofessor Ekkehard Wenger taxiert Anshu Jain deshalb deutlich höher: »Brutto hat er an die 500 Millionen Euro aus der Deutschen Bank rausgetragen: Leute wie Jain haben die Kuh gemolken, jetzt ist sie abgemagert bis aufs Skelett.« Nun hat der Hochschullehrer Wenger, berüchtigt als Vorstandsschreck, generell eine Vorliebe für drastisches Vokabular.

Mit der Deutschen Bank aber hat er eine Rechnung offen: »Ich habe vor mehr als 20 Jahren Aktien für umgerechnet 36 Euro gekauft. Den Kurs haben sie nicht mal gehalten.« Jedes Sparbuch rentiere sich besser, zürnt er: »Für langfristige Anleger ist mit der Deutschen Bank nichts zu gewinnen.« Der Konzern mag Milliarden verdienen, bei den Eigentümern kommt nichts an: »Das ist wie in einer Fußballmannschaft: Alles Geld, das reinkommt, wird an die Stars rausgehauen. Für den Verein bleibt nichts.«

Wenger ist kein Neidprediger, er gönnte jedem Milliardär sein Vermögen – Leuten wie den SAP-Gründern, die etwas Bleibendes schaffen, die persönliche Risiken eingehen und dafür belohnt werden: »Wofür aber werden die Deutschbanker belohnt?« Aus dieser Wut heraus hat er sich mit der Bank angelegt: Mithilfe der Justiz wollte Wenger vor Jahren erzwingen, dass sie verrät, wie viele ihrer Investmentbanker siebenstellige Jahresgehälter einstreichen, also Einkommensmillionäre sind – er ist vor Gericht unterlegen. Darüber regt er sich bis heute auf.

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