Venture Capital

Ernstes Spiel mit Chance und Risiko

Venture Capital: Ernstes Spiel mit Chance und Risiko
© Fritz Beck

Erfolge wie Apple ließen Risikokapital explodieren. Es folgte ein sogenannter nuklearer Winter. Christina Moehrle blickt auf gestern, heute und morgen.

24. Okt 2012

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Ende der 1990er nahm Venture Capital in Deutschland erstmals richtig Fahrt auf, nur um gleich zu Beginn der darauffolgenden Dekade auf Sand zu laufen. In der Zwischenzeit haben Stürme dem diesseits des Atlantiks noch relativ jungen Markt zugesetzt, sind Crews, Schleusenwärter und Kapitalgeber reifer geworden oder aber untergegangen, und haben neue Eigner ihre Flotten in internationale Gewässer entsendet und innovative Routen kreiert. Der Markt hat sich konsolidiert - ein Trend, der sich allerdings fortsetzt.

Auch im Jahr 2012 existieren noch immer viele Fragen hinsichtlich des Geschäfts mit dem Risiko und Potenzial neuer Konzepte und Technologien: wohin führt die Reise jenseits des Mythos, welche Investment-Ziele können die hohen Erwartungen erfüllen, welche Funktion nimmt Venture Capital heute für die Gesamtwirtschaft ein, wie können vorhandene Klippen gemeistert werden und welche dunklen Wolkengebilde sind bereits in der Ferne erkennbar? Diese Artikelserie beleuchtet die wesentlichen Aspekte eines spannenden, zunehmend globalen, aber auch  komplexen Markts, der nach wie vor eine große Anziehungskraft auf seine Mitreisenden verströmt.

Garagenfirmen wie Intel oder Microsoft trieben an

Das Grundprinzip des Venture Capital ist nicht allzu verschieden von anderen Investment-Modellen: günstig einkaufen, halten und Wert schöpfen, teuer verkaufen. Mit anderen Worten: eine möglichst hohe, dem Risiko angemessene Rendite erzielen. Die Tücke und Kunst der Branche steckt aber wie so oft im Detail. Während in der Zeit vor dem Jahr 2000 die Anzahl und Mittel der Akteure noch relativ überschaubar waren und die Musik im Wesentlichen auf dem dahingehend deutlich erfahreneren US-Terrain spielte, schwappte die Faszination gegen Ende der 1990er Jahre auch langsam auf Deutschland über.

Angetrieben von frühen Erfolgsgeschichten risikokapitalfinanzierter US-Garagenfirmen à la Microsoft, Intel, Oracle oder Apple, die heute ihre Äquivalente in den Facebooks und Googles dieser Welt zu finden scheinen, steigerte sich auch hierzulande sprunghaft das Geschäft. Im Jahr 1996 lag das jährliche Fundraising-Aufkommen deutscher Beteiligungsgesellschaften noch bei relativ überschaubaren 300 Millionen Euro, um bereits im Jahr 2000 seinen vorläufigen Höhepunkt mit fast 5,2 Milliarden Euro zu erreichen – sehr viel Geld in sehr kurzer Zeit für einen noch jungen Markt.

Dabei umfassen diese Zahlen den gesamten Private Equity-Bereich, also den kompletten Markt für Eigenkapitalbeteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen, inklusive der Segmente Buyout und Growth/Turnaround. Venture Capital im engeren Sinn, die Risikofinanzierung meist junger, technologieorientierter Wachstumsunternehmen, hält lediglich 10 bis 15 Prozent am Kuchen, allerdings mit ähnlich hohen Steigerungsraten. Als Größenvergleich: in den USA allein wurden im Jahr 2000 von Venture Capital-Gesellschaften neue Mittel in Höhe von 103,7 Milliarden US-Dollar eingesammelt und Investments von rund 105 Milliarden US-Dollar getätigt – ein Zweihundertfaches deutscher Verhältnisse.

Das Prinzip Hoffnung überwog

Kann so viel Kapital auch auf eine gleichwertige Anzahl attraktiver Investment-Ziele treffen? Im Jahr 2001 erwischte es die Branche, national und international, gleich an mehreren wesentlichen Parametern ihres Modells. Auf der einen Seite stand ein immens erhöhtes, verfügbares Kapital, das eine nicht gleichermaßen gestiegene Anzahl attraktiver Start-Ups jagte und damit die Einstiegspreise stark nach oben trieb. Am anderen Ende stagnierte der Exit-Kanal Börse, der vom Platzen der Dotcom-Blase überrascht worden und infolgedessen auf längere Sicht gegenüber jungen, innovativen Technologieunternehmen traumatisiert war. Selbst die zuvor aktiven, strategischen Käufer hatten nun vorwiegend eigene Hausaufgaben zu erledigen und akquirierten nur noch sehr vorsichtig und zu deutlich reduzierten Preisen.

Als Konsequenz saßen Venture Capital-Gesellschaften plötzlich auf hohen, zuvor eingesammelten Fondsvolumina oder in einem schnell stagnierenden Fundraising fest, mit akuten Fragezeichen über die weitere Funktionsweise ihres bisherigen Investment-Modells. Konfrontiert mit deutlich längeren Haltedauern und erheblich mehr Eigenkapitalbedarf ihrer Portfoliounternehmen als ursprünglich geplant, ging der sorgenvolle Blick in Richtung Zukunft, wo Zeitpunkt und Ausmaß der Rückkehr eines freundlich gestimmten IPO-Markts plötzlich offen waren.

Nicht zu vergessen seien die Stürme, die diese Ballung an Krisen auf Seiten der Investoren auslöste. Gerade in Deutschland hatten viele von ihnen erst in den späten 1990er Boom-Jahren ihren Appetit auf Venture Capital entwickelt und sahen sich nun umgehend mit der ersten großen Dürre konfrontiert - in einer geschlossenen Fondsstruktur, die sie auf mindestens 10 bis 12 Jahre bindet, vorzeitiger Verkauf der Anteile so gut wie ausgeschlossen. Die zu erwartenden Effekte auf die Rendite waren offensichtlich und ernüchternd, wenn auch zu Beginn dieser Entwicklung noch das Prinzip Hoffnung überwog.

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