Mobile Payment

Banken in der Defensive?

Mobile Payment: Banken in der Defensive?
© privat

Im vierten Teil der Serie zum Thema Mobile Payment mahnt Dirk Elsner die Banken hierzulande zu mehr Innovationsbereitschaft, da sie sonst den Trend verschlafen und gegenüber internationalen Instituten zurückfallen. Er zeigt Beispiele, wie sich andere Unternehmen bereits umstellen.

16. Jul 2012

von

Fast flehend mutet die Feststellung der Unternehmensberatung A.T. Kearney an: „Um innovative Angreifer auf die Wertschöpfungskette der Finanzbranche nachhaltig auf Distanz halten zu können, ist für Banken zeitnahes Handeln angesagt.“ Zumindest im Payment-Bereich dürften Banken mit ihrer defensiven Spielweise der putzmunteren Offensive der IT- und Telekommunikationsanbieter nicht dauerhaft standhalten können. Banken gelten als nicht besonders innovativ und verstecken sich gern hinter einem Stapel Kleingedruckten, wie die US-Autorin Carol Realini in ihrem Buch Why Banking is Broken feststellte. Sie seien “out of touch with its customers, using technology in uncreative ways, and frankly, selfish”, wie Larry Magid auf Forbes Online zitiert.

Eigentlich ist die Defensive der Banken erstaunlich, denn sie kommen aus einer starken Ausgangsposition - zumindest in Deutschland: Sie beherrschen hierzulande den Point of Sale mit ihren Girocard- und EC-Karten-Verfahren. Smartphones blieben bisher unberücksichtigt (siehe André M. Bajorat auf Mobile Zeitgeist).

Girogo, Pingit und Smartphone-Wallets

Die Sparkassen werten derzeit ihre Zahlungskarten mit NFC-Chips auf. Das unter der Bezeichnung Girogo bekannte Angebot muss seinen Spielwitz aber erst noch beweisen: Umfang und Usability bleiben deutlich hinter der Smartphone-Wallets zurück - auch deswegen, weil Transfers auf 20 Euro beschränkt werden (siehe hierzu: Top oder Flop? Die neue „Girogo“-Karte im Bank-Blog). Die Sparkassen denken aber offenbar weiter: Nach Informationen der Webseite Der Handel interessiert sich die S-Finanzgruppe für eine Kooperation mit einem Smart­phone-Hersteller.

Daneben zeigt die Deutsche Bank etwas Innovationsbereitschaft: Gemeinsam mit GFT stellte man den Prototyp einer App vor, der das mobile Bankgeschäft revolutionieren könnte - so zumindest der Glaube. Die "Revolution" besteht bisher einzig darin, einen gewöhnlichen Überweisungsträger mit einem Smartphone zu fotografieren, um ihn anschließend online an die Bank zu übertragen.

Die Branche entdeckt mittlerweile auch Zahlungs-Apps für Smartphones. So ist die britische Barclays Bank gerade mit Pingit gestartet und soll nach den ersten Wochen bereits 400.000 Downloads verzeichnen. Wie aus der Beschreibung von Pingit hervorgeht, handelt es sich jedoch um eine proprietäre Lösung. Demnach gestalten sich Zahlungen an Kunden anderer Banken sehr umständlich. Ich habe große Zweifel am Nutzen einer derartigen Stand-Alone-Lösung.

Reichen die Aktivitäten aus?

Laut einer Umfrage des Financial Services Clubs spüren Banken mittlerweile den Druck durch das Aufstreben im Mobile und Internet-Payment und zwar für die Konsumenten- als auch für das Unternehmensliga. Für die USA erwartet man das völlige Verschwinden des Schecks, der dort statt Überweisungen verwendet wird. Man sieht außerdem, dass künftig mehr Zahlungen mobil und via Internet abgewickelt werden als über Bargeld und Karten. Die Abwicklung könnte dann realtime über pan-europäische Clearinghäuser erfolgen.

Bereits 2010 analysierte Johannes Bussmann in der Fachzeitschrift Die Bank die Aktivitäten der Finanzbranche und stellte fest, dass deutsche Banken Mobile Payment als Zahlungsweg der Zukunft noch nicht entdeckt haben. An dieser Feststellung hat sich bisher nichts geändert. Bussmann warnte damals davor, dass für deutsche Finanzdienstleister das Risiko bestehe, in einem vielversprechenden Zukunftsmarkt von bisher kaum bekannten Akteuren überholt zu werden.

Kartengesellschaften preschen vor

Während Einzelinstitute gegen das Kurspassspiel der IT- und Telkoelite wenig nachsetzen, sehen die etablierten Kartenanbieter wie Visa, MasterCard und American Express sehr wohl die neuen Herausforderungen. Der Chefentwickler von MasterCard glaubt aber zunächst an eine Koexistenz zwischen Karten und Mobile. Mastercard selbst bietet bereits ein NFC-Bezahlsystem namens "Paypass" an, allerdings basiert das nur auf Karte. Visa zeigt sich innovationsfreudiger und ist als strategischer Investor bei Square eingestiegen, arbeitet mit Vodafone zusammen an einer gemeinsame Zahlungslösung für Mobiltelefone und startete mit der Landesbank Berlin AG und Swiss Post Solutions das kontaktlose Bezahlen mit dem iPhone.

Mit wenigen Ausnahmen verhalten sich die meisten Banken eher passiv. Sie können noch davon zerren, die wichtigste Schnittstelle zu allen Zahlungsverkehrsleistungen besetzt zu halten, das Konto: Aber auf eine Stammplatzgarantie sollte man hier lieber nicht hoffen. Das Beispiel M-PESA (siehe dazu Teil 2) zeigt, dass Mobilfunkanbieter Konten führen. Daneben lassen die Patentanmeldungen für Apples iWallet ebenfalls Kontofunktionalitäten vermuten. Daneben muss man mal schauen, was Facebook vor hat. Mit dem im Juni verkündeten Rückzug aus der virtuellen Währung, die auf echte lokale Währungen umgestellt werden, könnte das soziale Netzwerk vielleicht sogar ein Angriff auf das Payment vorbereiten (siehe “Facebooks heimliche Währungsrevolution”).

Newcomer haben die Nase vorn

Die sonst im Banking übliche Strategie, erst einmal die Newcomer das Spiel machen zu lassen, ihre Fehler zu beobachten und anschließend durch schnelle Konter die erfolgreichsten Spielweisen zu kopieren, könnte diesmal nicht aufgehen. Einige der Newcomer haben mittlerweile eine Wertschöpfungstiefe aufgebaut, die Banken nicht einfach adaptieren können. Sie scheinen sich übrigens auch nicht an den Vorschriften des Zahlungsdiensteaufsichtsgesetzes (ZAG), das gerade Ende 2011 um das sogenannte E-Geld erweitert wurde, zu stören (zumindest nicht öffentlich).

Wenn die Banken nicht endlich ins Spiel finden, dann könnte ihnen hier nur die Schnittstelle zum Konto bleiben oder ein Co-Branding, dann freilich zu den Bedingungen der neuen Dienstleister. Für die Telkos und IT-Unternehmen dagegen besteht wenig Notwendigkeit auf die Banken Rücksicht zu nehmen.

Artikelinhalt