Bürgerkredit 2.0

Bürger helfen klammen Kommunen

Bürgerkredit 2.0: Bürger helfen klammen Kommunen
© Wikipedia / Julia Faßbender

Das Wasser im Freibad läuft wieder, die Feuerwehr bekam Funkgeräte. Lothar Lochmaier über Online-Plattformen für Bürgerkredite und die Lehre für kommunale Finanzchefs.

4. Dez 2012

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Wieso nicht für ein sinnvolles Projekt im Internet nach neuen Kapitalgebern Ausschau halten. Denn Crowdfunding eignet sich, bei richtiger Dosierung, auch für kommunale Finanzchefs.

Der Trend macht Schule. Mit von der Partie ist neben dem Portal buergerkredit.de etwa die Stadt Dresden mit der frisch gestarteten Initiative dresden-durchstarter.de. Dieses Zukunftsprojekt ist dabei eine 100-prozentige Tochter der Landeshauptstadt Dresden und somit ein vollwertiges Projekt der Kommune. Nun hoffen die Impulsgeber auf rege Beteiligung der Crowdfunder.

Prominente Unterstützer tragen dazu bei, etwaige Vorbehalte bei den Kommunen abzubauen - beispielsweise Hans Eichel (SPD). Der Ex-Bundesfinanzminister agiert seit kurzem als Beiratsvorsitzender für die kommunale Crowdfunding-Initiative leihdeinerstadtgeld.

Verzinsung von 0,76 Prozent

Im Herbst gelang es leihdeinerstadtgeld, den ersten Bürgerkredit über die Online-Plattform vorzeitig zu finanzieren. Als landesweit erste Kommune kam so für die Stadt Östrich-Winkel ein erster Teilbetrag von 83.200 Euro zusammen. Das Geld dient der Freiwilligen Feuerwehr dazu, die dringend notwendigen digitalen Funkgeräte anzuschaffen. Die „Rendite“ für den Bürgerinvestor steht dabei übrigens eindeutig nicht im Vordergrund.

So erhalten die Privatinvestoren aus dem gesamten Bundesgebiet für das Bürgerdarlehen in Östrich-Winkel bei einer sechsjährigen Laufzeit nur eine Verzinsung von 0,76 Prozent. Angesichts derartiger Zinssätze bewegen sich die Macher also in einer sorgfältig austarierten Mixtur zwischen regionaler Nachhaltigkeit, Spendenkultur und bodenständigem Investment.

Ein weiteres Praxisbeispiel, wie das Modell erfolgreich funktionieren kann: Rund 300.000 Euro fehlten der Kommune Gummersbach-Bergneustadt und dem örtlichen Freibad, um die eigene Zukunft zu sichern. Dann kam den Stadtoberen angesichts von Sparzwang und Nothaushalt die rettende Idee, um den Verlust eines weiteren Stückchens Lebensqualität vor Ort zu verhindern. Als Lösungsweg entschied man sich für das Crowdfunding. Die einfache Idee dahinter: Gemeinsam sind wir stärker. Möglichst viele Menschen verbinden sich im Netz, um ein konkretes Vorhaben zu finanzieren.

Wasser im Freibad läuft wieder

Nachdem die Sparkasse Gummersbach-Bergneustadt zunächst als Crowdfunder selbst mit gutem Beispiel voranging, war die Beteiligung der heimischen Bevölkerung gefragt. In einer für die Region einzigartigen Aktion sammelten das Geldinstitut und der Förderverein des Freibades im Jahr 2011 binnen weniger Wochen die geforderte Summe von 200.000 Euro. Weitere 100.000 Euro steuerte die Sparkasse bei.

Die Crowdfunding-Aktion geriet dabei zum „Kampf gegen die Uhr“, wobei der tagesaktuelle Spendenstand über drei Monate via Homepage und in allen Bergneustädter Geschäftsstellen präsent war. Zudem veröffentlichten die Verantwortlichen den Spendenstand via Twitter. Die Rechnung ging auf: Nachdem die Kredite Mitte 2011 ausgezahlt wurden, nahm das Freibad im Frühjahr den Betrieb wieder auf.

Allerdings lässt sich eine solche Aktion nicht beliebig oft wiederholen. Wichtig für den Erfolg im Rahmen eines kommunalen Crowdfunding-Projekts ist dabei, dass es sich erstens um ein massentaugliches und attraktives Vorhaben handelt, das sich quasi zum Selbstläufer entwickelt - sowohl durch Mund-zu-Mund-Propaganda als auch über das Internet. Des Weiteren sollten sich die kommunalen Finanzchefs vor dem Start mit den unterschiedlichen Ansätzen von Crowdfunding einschließlich deren rechtlicher Besonderheiten möglichst fundiert auseinandersetzen.

Maßgeschneidertes Konzept exakt planen

Richtig angewendet stellt der „Bürgerkredit 2.0“ über eine örtliche oder überregionale Crowdfunding-Initiative ein sinnvolles, jedoch nur komplementäres Finanzinstrument dar. Die wichtigste Voraussetzung: Es sollte sich um ein von der Bevölkerung als notwendig und attraktiv empfundenes Vorhaben handeln. Rechtliche Grauzonen sollten dabei vermieden werden.

Eine „No-Go-Area“ wäre es beispielsweise, wenn der lokale Finanzchef nur darauf spekuliert, den Bürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Im Klartext: Das Projektziel sollte nicht darin liegen, um jeden Preis ein Finanzloch in der öffentlichen Kasse zu stopfen. Im negativen Szenario fiele ein etwaiger Shitstorm im Netz anschließend direkt auf den Urheber einer derartigen Kampagne zurück. Dann wäre der Schaden deutlich größer als der potentielle Nutzen für alle Beteiligten.

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er ist Autor des Buches Die Bank sind wir - erschienen im Heise-Verlag. Lochmaier betreibt zudem das Blog Social Banking 2.0 - der Kunde übernimmt die Regie. Kontakt über lochmaier(at)gmx.de. Weitere Beiträge von Lothar Lochmaier: