Crowdinvesting

Ein Trend macht Schule

Crowdinvesting: Ein Trend macht Schule
© privat

Ein neues Geschäftsmodell fordert die Finanzbranche heraus. Lother Lochmaier über die Idee der kollektiven Schwarmintelligenz in der professionellen Unternehmensfinanzierung.

7. Jan 2013

von

Beim Crowdinvesting stehen im Gegensatz zum Crowdfunding Darlehen und Beteiligungen an Unternehmen im Mittelpunkt. Gerade bei internetaffinen Gründermilieus sind neue Wege in der ergänzenden Kapitalbeschaffung angesagt. Es ist eine spannende Entwicklung, die gewohnte Spielregeln in der Bankenlandschaft sukzessive auf den Kopf stellen wird. Kein Wunder also, dass sogar die Finanzmagnaten von Rothschild den Glauben an die Banken verlieren - das Neue lockt.

Wendet sich die Risikokapitalbranche attraktiveren Geschäftsmodellen zu? Es kursieren derzeit allein etwa 20 bis 30 neue Spieler in Deutschland in der internetaffinen Gründerszene, wie Bergfürst, MyBusiness Backer, Fundsters, Seedmatch, Innovestment, Group Capital, Companisto, Welcome Investment, United Equity, Deutsche Mikroinvest, Devexo, BestBC oder Bankless24.

Ergänzende Übersichten zu diesem neuen Marktsegment gibt es via deutsche startups: Boom der Crowdinvesting-Plattformen. Welche Perspektiven der immer noch relativ neue Trend generell für die Wagniskultur in der Unternehmensfinanzierung offeriert, hat Dirk Elsner kürzlich unter der Überschrift Crowdinvesting für mittelständische Wachstumsunternehmen unter die Lupe genommen.

Via Gründerszene kann man sich über den Status Quo einzelner Crowdinvesting-Portale  informieren, so zum Beispiel über Bergfürst, eine Berliner Plattform, die mit Summen von zwei bis drei Millionen Euro pro Emission in diesem Jahr neue Gipfel erklimmen möchte, um die Standards weiter nach oben zu verschieben.

Die nächste Finanzgeneration etabliert sich

Die wachsende Zahl neuer und teils hybrider Geschäftsmodelle zeigt, dass zum einen Finanzierungen jenseits von 100.000 Euro pro startup rechtlich keine Tabuzone bleiben. Diese Schallmauer schien bislang durch die Prospektpflicht und das damit verbundene Regelwerk der staatlichen Finanzaufsicht BaFin gesetzt zu sein.

Einzelne Betreiber gehen dabei allerdings riskante Wege, deren rechtlicher Bestand nicht zwangsläufig von langer Dauer sein muss - vom Flurschaden für andere, seriös und akribisch arbeitenden Protagonisten einmal ganz abgesehen. Ich selbst verfolge die Entwicklung beim professionellen Crowdinvesting seit geraumer Zeit intensiv, mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Bereits in meiner ersten Buchpublikation (Die Bank sind wir) vor 3 Jahren habe ich auf die eine oder andere schmerzhafte Lernkurve für alle Beteiligten hingewiesen. Anders ausgedrückt: Nicht jeder der oben genannten Spieler wird das laufende Jahr überleben. Der Markt sondiert sich in rasantem Tempo. Es herrscht ein qualitativer und quantitativer Ausleseprozess. Das Crowdinvesting ist weder Teufelszeug, es verrichtet angesichts eines erhöhten Risikoprofils aber auch nicht automatisch das Werk Gottes.

Andererseits wird der Trend definitiv weiter Schule machen. Zahlreiche kleine Bausteine ergeben, gemeinsam mit einem bereits deutlich wahrnehmbaren, internetbasierten Wandel in der Investmentkultur, einen nachhaltigen Trend, den sich gerade die jüngere Generation konsequent erschließen wird. Der mündige Nutzer steigt zum Investor auf. Positiv daran ist, dass die Vorbehalte, die in der Bevölkerung gegenüber dieser neuen Finanzierungsform zweifellos vorhanden sind, sich mittlerweile neutralisiert haben.

Es droht die kollektive Sippenhaft

Die Social Entrepreneurs sagen sich: Warum das Geld nur der Black Box Bank in den Rachen werfen, wenn wir es in eigener Regie ins richtige Zielgebiet steuern können? Das Jahr 2013 dürfte das Jahr der Bewährung für alle professionellen Crowdinvesting-Akteure sein. Denn die Betreiber müssen beweisen, dass sie ihre Anhänger mit allen zum Einstieg notwendigen Informationen versorgen, inklusive einem sorgfältig ausgearbeiteten Chancen-Risiko-Profil zu jedem einzelnen Investment. Erst auf einer inhaltlich fundierten Grundlage kann der Crowdinvestor jenseits von einer kurzlebigen Modewelle eine bewusste Entscheidung fällen.

Läuft hier etwas im Geschäftsmodell aus dem Lot, so wird die aufstrebende junge Branche anschließend in kollektive Sippenhaft genommen. Im Klartext: Während wir uns bei einem konventionellen Bankkredit - und erst recht beim hochselektiven Venture Capital - längst an eine gewisse standardisierte Kreditausfallrate und das damit verbundene Scheitern einer Gründer- oder Wagniskapitalidee gewöhnt haben, so wäre das Scheitern eines via Crowdinvesting finanzierten Unternehmens ein Novum. Erst recht gilt dies für die hierzulande vorherrschende risikoaverse Grundhaltung im Land der Dichter und Denker.

Aber auch damit werden wir leben können. Ein Teil der neuen Himmelsstürmer wird die harte Lernkurve erfolgreich absolvieren. Die Spreu trennt sich Zug um Zug vom Weizen, und dann wird die Saat der neuen Generation von Finanzdienstleistungen, bei der der Kunde mit am Regiepult sitzt, erst so richtig aufgehen.

Die Serie im Überblick:

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er ist Autor des Buches Die Bank sind wir - erschienen im Heise-Verlag. Lochmaier betreibt zudem das Blog Social Banking 2.0 - der Kunde übernimmt die Regie. Kontakt über lochmaier(at)gmx.de. Weitere Beiträge von Lothar Lochmaier: