Nobelpreisträger Kydland im Interview

Keiner kann Finanzkrisen vorhersagen

Nobelpreisträger Kydland im Interview: Keiner kann Finanzkrisen vorhersagen
© University of California - Santa Barbara

Nobelpreisträger und Professor Finn E. Kydland beklagt die schwindende Glaubwürdigkeit und Konsistenz im Handeln von Politik und Unternehmen bei der Bekämpfung der Probleme im Finanzmarkt. Er nimmt die Wissenschaft in Schutz, von der oft erwartet wird, die Zukunft prognostizieren zu können.

28. Jun 2012

von Sascha Alexander

Finn E. Kydland, norwegischer Ökonom, erhielt 2004 für seine Beiträge zur dynamischen Makroökonomie zusammen mit Edward C. Prescott den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Sie hatten untersucht, warum sich die Wirtschaft nicht gleichmäßig entwickelt, sondern Phasen des Aufschwungs immer wieder von Phasen der Rezession abgelöst werden. Sie erkannten, dass die Verantwortung dafür in der schubweisen Entwicklung von neuen Technologien liegt. Dadurch werden Preise, Produktivität und Löhne verändert und so Konjunkturzyklen ausgelöst.

Außerdem betrachteten sie den Einfluss von Geld- und Wirtschaftspolitik auf diese Zyklen. Hier kommen sie zu folgendem Schluss: Je glaubwürdiger Politik und Nationalbank wirken, umso stabiler ist der jeweilige Konjunkturverlauf. Dem Nobelpreiskomitee zufolge haben sich die Arbeiten der beiden Forscher auf die Praxis vieler Länder bezüglich Geld- und Wirtschaftspolitik ausgewirkt. CFOworld-Chefredakteur Sascha Alexander sprach mit ihm am Rande des diesjährigen "Campus for Finance" der WHU in Vallendar.

CFOworld: Herr Kydland, 2006 schrieben Sie in einem Beitrag, dass Wissenschaftler verloren gegangenes Vertrauen in die Wirtschaft von sich aus nicht wiederstellen könnten. Wie beurteilen Sie diesbezüglich die Situation in der Eurozone? Gibt es dort noch die Chance, Vertrauen wieder herzustellen?

Quelle: University of California, Santa Barbara
Nobelpreisträger und Professor Finn E. Kydland zur aktuellen Schuldenkrise

 

Kydland: Ich würde mir als Politiker über das schwindende Vertrauen Sorgen machen. Es fehlt mir vor allem ein systematisches Vorgehen zur Bekämpfung der Krise. Eine Policy, wie ich sie als Wissenschaftler verstehe, ist nicht nur eine Beschreibung von dem, was man heute macht, sondern muss Teil eines Zukunftsplans sein. Diesen kann ich aber nirgendwo erkennen. Auch scheint es, dass Politiker erst den Eindruck vermitteln, sie würden etwas unternehmen, und dann wieder davon Abstand nehmen und etwas anderes machen. Vor allem ist es für mich seltsam, dass es in Europa offenbar keine klare Trennung zwischen Geld- und Fiskalpolitik gibt. Vielmehr sind die europäischen Währungshüter teilweise in die Fiskalpolitik involviert. Die EU braucht eine regelrechte Fiskalpolitik, denn Währungspolitik allein kann die Wirtschaft nicht ankurbeln.

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