Social Trading

Soziales Netzwerk ersetzt Provision?

Social Trading : Soziales Netzwerk ersetzt Provision?
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Beim Social Trading verbinden sich soziale Netzwerke mit dem privaten Aktienhandel. Lothar Lochmaier portraitiert Plattformen, die in Deutschland gerade den Massenmarkt erobern.

4. Feb 2013

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Wieso nicht nebenher Geld an der Börse verdienen, indem man zwischendurch mit Freunden im sozialen Netzwerk die neuesten Aktientipps austauscht. Eine verrückte Idee? Mitnichten. Bis zum 22. Januar 2013 haben Nutzer auf der Plattform Wikifolio rund 4.000 private Aktiendepots, sogenannte wikifolios erstellt. Das monatliche Handelsvolumen liegt dort mittlerweile bei mehr als 50 Millionen Euro.

Insgesamt sind damit Trades in Höhe von mehr als 250 Millionen Euro umgesetzt worden. Täglich werden durchschnittlich 1.200 Geschäfte vom System verarbeitet, sprich: Aktienkäufe. Und all dies geschieht nicht über eine Bank, sondern über eine erst vor wenigen Monaten neu gegründete Online-Plattform. Blicken wir also hinein, was an dieser Form des Aktiengeschäftes dran ist, direkt über soziale Netzwerke angebahnt und von Privat- zu Privatperson quasi „vermakelt“.

Zwischen Social Media und Online Trading

Die bisherige Erfolgsbilanz von Wikifolio klingt vielversprechend, seit der Gründung im August 2012. Ein Grund: Wikifolio forciert das Wachstum durch schlagkräftige Kooperationen mit der Börse Stuttgart, Sparkassen Broker und der OnVista Group, um so die Reichweite zu erhöhen.

Im Fachjargon nennt sich dieser Trend Social Trading, ein Kunstwort zwischen Social Media und Online Trading. Der Begriff selbst besitzt jedoch inhaltlich kein eindeutiges Abgrenzungsmerkmal. Mal versteht man darunter den informellen Austausch in Finanzforen (Beispiel: sharewise) über die Aktienanlage. Eine andere Variante besteht darin, dass Händler über spezifische Plattformen stellvertretend für den jeweiligen Anleger handeln.

Generell ist der Trend kaum zu übersehen: Social Trading ist durch die rasante Verbreitung von Facebook & Co. salonfähig und damit massentauglich geworden. Wieso sogar die professionelle Riege der Fondsmanager im Zuge dieser Entwicklung überflüssig werden könnte, darüber berichtet das Handelsblatt am Beispiel jener eingangs bereits erwähnten Social Trading Plattform Wikifolio.

Um die Dinge gerade zu rücken: Das Handelsblatt ist via VHB Ventures finanziell an der Plattform beteiligt, weshalb die Berichterstattung über Wikifolio vielleicht etwas intensiver ausfallen mag, als wenn es sich nur um ein „normales“ Startup handelte. Warum ausgerechnet ein Medienkonzern mit einem seiner wirtschaftsjournalistischen Flaggschiffe in das dehierarchisch organisierte Anlegermodell investiert, lässt sich nur mit dem Bestreben erklären, sich hier neue Erlösquellen zu erschließen.

Den vermeintlich Besten auf die Finger schauen

Bleiben wir aber beim Beispiel Wikifolio: Die Betreiber übertragen das Interaktionsmodell von Facebook oder Twitter direkt auf die Geldanlage. Wie funktioniert das? Jeder registrierte Nutzer kann sein eigenes Investment-Portfolio betreuen, als Wikifolio bezeichnet. Er kauft und verkauft Wertpapiere, zwar nicht wie ein großer Fondsmanager, aber immerhin, mindestens wie ein ambitionierter Semiprofessioneller.

Dabei sind alle Aktionen für andere Nutzer transparent. Ein erfolgreiches Händchen beim Social Trading macht natürlich in der virtuellen Geldvermehrungsgemeinschaft sofort die Runde. So hängen sich andere Nutzer via Trendfolge an die bereits erfolgreichen Privathändler. Vorausgesetzt man traut sich, den ausgewählten Trader auf eigenes Risiko mit echtem Geld auszustatten, damit dieser stellvertretend handeln darf.

Das Handelsblatt schrieb im oben genannten Beitrag:

Jeder (kann) das Zertifikat auf jedes beliebige Wikifolio kaufen. Wer auf einen erfolgreichen Trader setzt, kann damit gut verdienen. Der Anleger erhält schließlich ein aktiv gemanagtes, breit gestreutes Depot, ohne dafür einen Fondsmanager oder Vermögensverwalter bezahlen zu müssen.

Jedoch bleibt bei diesem ersten Erfahrungsbericht im Handelsblatt unerwähnt, dass eine positive Gesamtrendite von rund 9 Prozent im Spätherbst 2012 keine außergewöhnliche Leistung per se darstellt, gemessen am DAX-Durchschnittswert, der bis zum Jahresende noch einmal deutlich zulegen konnte. Sagen wir es deutlicher: Nur wer den vermeintlich Besten, die stellvertretend für ihn handeln, permanent auf die Finger schaut, die dafür notwendige eigene Kompetenz mitbringt, um die Trader stetig zu überprüfen und bei „Versagen“ rasch auszutauschen, kann beim Social Trading auf längere Sicht bestehen.

Wer selbst schon einmal probiert hat, mit Einzelaktien zu handeln, der dürfte die folgende Erfahrung gemacht haben: Es ist und bleibt eine große Herausforderung, an der Börse konstant Geld zu verdienen. Kurz: Wem es durchschnittlich über eine längere Wegstrecke gelingt, sechs von zehn Trades mit positiver Performance abzuschließen, der beherrscht das sensible Metier. Man darf somit gespannt sein, wie sich das vom Handelsblatt präsentierte „Testkonto“ WF00618382 gerade unter härteren Rahmenbedingungen weiterentwickeln wird, wie etwa einer länger anhaltenden Seitwärtsbewegung, einer höheren Volatilität, oder gar einer rasch einsetzenden Kurskorrektur.

Die Serie im Überblick:

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er ist Autor des Buches Die Bank sind wir - erschienen im Heise-Verlag. Lochmaier betreibt zudem das Blog Social Banking 2.0 - der Kunde übernimmt die Regie. Kontakt über lochmaier(at)gmx.de. Weitere Beiträge von Lothar Lochmaier: