Human Resources

Philosophie als Unternehmen

Human Resources: Philosophie als Unternehmen
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Woran ist das Top-Management von WestLB, Arcandor oder auch Schlecker gescheitert? Schlicht an ihren Denkverfahren, die bei zunehmender Komplexität ineffizient werden.

15. Nov 2012

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Der kalifornische Sozialtheoretiker Manuel Castells gilt als der erste wichtige Philosoph des Cyberspace. Er trifft den Zeitgeist von Top-Managern. Castells kommt zu folgendem Ergebnis: „Es gibt eine unauflösliche Spannung zwischen dem Aufstieg der libertär geprägten Netzwerkgesellschaft (Informationalismus) und der ungebrochenen Macht der unternehmerischen Identität (Industrialismus). Aus dieser Spannung folgt eine erhebliche Dynamik, die zu drastischen Umbrüchen führt. Hierarchische Organisationsstrukturen haben kein Potenzial mehr. Es sind Netzwerkstrukturen, die an Dominanz gewinnen.“

Das Organisationsmodell des industriellen Zeitalters für große, vertikal integrierte und auf eindeutige Arbeitsteilung basierende Unternehmen ist überholt. Zeitgemäße Großunternehmen bauen vielseitige Netzwerke auf, kooperieren global und wenden die moderne Informationstechnologie intensiv an. Auch Finanzvorstände sollten daran teilhaben und nicht länger wie Social Media-Muffel erscheinen. Im 21. Jahrhundert haben Unternehmen folgenden Querschnitt: Eine Schicht der „Dinge“ (unter anderem Gebäude, Maschinen und Anlagen), darauf baut die Schicht der „Prozesse“ auf, darüber spannt sich die Schicht der „Vernetzung“.

Vom kausalen zum strukturalen Denken

Arbeitsteilige Unternehmen werden mithilfe von Produktionsketten, sowie mit Informations- und Steuerungsketten geführt, die auf strengen Ursache-Wirkungs-Beziehungen basieren. Dem liegt ein kausales Denken zugrunde, das wir alle aus unserer Alltagswelt kennen, das jedoch unserer komplexen und dynamischen Welt nicht mehr genügt.

Eine auf das Unternehmen gerichtete Philosophie in Form eines Leitbildes hat mittlerweile fast jede Organisation. „Philosophie als Unternehmen“ ist jedoch weniger verbreitet. Damit ist gemeint, beim Nachdenken über sein Unternehmen Aufwand und Ertrag, Chancen und Risiken des Denkens selbst abzuwägen und mithin unternehmerisch zu denken. Dieses Abwägen ist unverzichtbar, weil wir unsere total interdependente Welt nicht länger als Ganzes erfassen können. Wer es dennoch versucht, scheitert an Ineffizienz. 

Aus dem Ganzen müssen auf subjektive Weise Teilsysteme ausgegrenzt werden. Im Strukturdenken wird bewusst darauf verzichtet, zur Wirklichkeit der vernetzten Welt vorzustoßen. Stattdessen hält man sich an die Realität der darüber gespannten Welt der Informations- und Steuerungssysteme sowie der Netzwerke, die gemeinsam eine Metaebene bilden. Es geht also um ein Denken in Ordnungen, das Strukturen bedenkt und dabei sowohl an der Steuerungs- wie auch an der Netzwelt ansetzt.

Strukturales Denken in der Unternehmenspraxis

Unternehmen funktionieren nicht zuletzt deshalb, weil Mitarbeiter Richtlinien sinnvoll interpretieren und angemessen umsetzen. Dagegen legt Dienst nach Vorschrift auch die beste Organisation lahm. Dahinter steckt Sinn, der automatisch filtert und erkennbar macht, was in einer konkreten Situation wichtig ist. Im Laufe der Zeit bilden sich im Unternehmen selbstverständliche Sinnstrukturen heraus, die auch als Werte oder als ungeschriebene Gesetze bezeichnet werden.

Daraus entsteht eine Art informeller Organisation. Wer dies als Manager fördert und Sinnstrukturen gezielt beeinflusst, gewinnt ein mächtiges Führungsinstrument. Führen durch Sinn ist hochflexibel, denn im Gegensatz zu starren Zielvereinbarungen, Plänen und Budgets gibt die Sinnstruktur den Menschen auch in unvorhersehbaren und komplexen Situationen Orientierung und Legitimation.

Eric Schreyer arbeitet als Manager auf Zeit sowie als beratender Unternehmer. Er war viele Jahre als Geschäftsführer in mittelständischen Unternehmen tätig. Zuvor stand er 18 Jahre bei der Deutsche Bank AG unter Vertrag. Schreyer ist gelernter Bankkaufmann und diplomierter Ökonom. Er schreibt ebenso für seinen Blog Valuation-in-Germany sowie für das Handbuch Unternehmensbewertung im Bundesanzeiger-Verlag. Sie errreichen ihn unter es.mittelstandsberatung(at)googlemail.com. Die letzten Beiträge von Eric Schreyer: