Human Resources

Sinnlose Suche nach neuem Wohlstand

Human Resources: Sinnlose Suche nach neuem Wohlstand
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Horst Opaschowski präsentiert seinen alternativen Wohlstandsindex. Von Politikern fordert er eine Zufriedenheitsgarantie. Die sollten sich vor solchem Unsinn hüten.

24. Jan 2013

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Von übermäßigem Wohlstand kann bei den Deutschen keine Rede sein. Ökonomisch mögen sie ziemlich reich sein, aber beim ökologischen, gesellschaftlichen und individuellen Wohlstand hapert es gewaltig. Nur 42,4 von theoretisch möglichen 100 Punkten erreichen die repräsentativ ausgewählten 2000 Bundesbürger, die der Hamburger "Zukunftswissenschaftler" Horst W. Opaschowski und das Marktforschungsinstitut Ipsos für ihren "Nationalen Wohlstandsindex für Deutschland" (NaWI-D) befragten. In diesen Index fließen neben dem BIP auch Indizien für den ökologischen Wohlstand ("naturnah und nachhaltig leben"), den gesellschaftlichen (frei und in Frieden leben") und den individuellen Wohlstand (gesund und ohne Zukunftsängste leben") ein.

Forderung nach Lebensqualitätssicherung

Die Bevölkerung fordere von der Politik "Mehr Lebensqualitätssicherung", behauptet Opaschowski. "Wer Zukunft menschlich gestalten will, muss Wohlstand zum Wohlergehen mit Zufriedenheitsgarantie machen." Müssen wir uns also Sorgen machen? Haben Politik, Verwaltung und die gesamte Zivilgesellschaft versagt? Haben sie in ihrer Fixierung auf das Wirtschaftswachstum die wirklich entscheidenden Kriterien des Wohlstands vernachlässigt? Die Ergebnisse von Opaschowski, der nicht nur die Zukunft erforschen zu können glaubt, sondern seiner Website zufolge auch "Berater für Politik und Wirtschaft" ist, scheinen das nahe zu legen.

Immerhin, mag man erleichtert einwenden, hat der Bundestag das Problem erkannt und schreitet zur Lösung. Seine Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" unter Vorsitz der Abgeordneten Daniela Kolbe von der SPD soll nicht nur "die Möglichkeiten und Grenzen der Entkopplung von Wachstum, Ressourcenverbrauch und technischem Fortschritt ausloten" und "den Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft ermitteln", sondern schließlich auch "einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator entwickeln". Für das, was Opaschowski anbietet, gibt es also ganz offensichtlich eine Nachfrage.

Falscher Anspruch an die Politik

Das Bedürfnis der politischen Klasse nach solchen Indizes ist nachvollziehbar. Sie will ihr eigenes Handeln messbar machen - auch wenn sie dabei meist schlecht wegkommt. In einer offenen Mediendemokratie glauben Politik und Verwaltung ganz handfeste Zahlen vorweisen zu müssen, um ihr Handeln im Dienste "der Menschen" angemessen rechtfertigen zu können. Aber das allein macht solche Projekte wie das von Opaschowski nicht sinnvoll.

Im Gegenteil. Denn sie geben einen falschen Maßstab vor, wenn sie so tun, als sei "ganzheitliches", "naturnahes" oder "nachhaltiges Leben" etwas, das man messen und durch politisches Handeln sichern könne. Wohlstandsindizes, die das Glück oder das Wohlergehen oder andere allzu menschlichen Befindlichkeiten scheinbar in Zahlen fassen, verführen Politiker dazu, etwas zum Gegenstand der Politik zu machen, von dem sie lieber die Finger lassen sollten.
 
Natürlich sind Menschen nicht nur Marktteilnehmer und sie streben nicht nur nach Geld. Aber die Frage, ob man "naturnah und nachhaltig leben" möchte - oder was das überhaupt ist - kann jeder Mensch nur für sich selbst entscheiden. Sicher gibt es auch ziemlich viele Menschen, die überhaupt kein Bedürfnis verspüren, naturnah zu leben. Ein Leben im Pfälzer Wald macht nicht jeden glücklich. Auch die "Zukunftsängste", wenn man sie denn wirklich ernst nimmt, sind etwas ziemlich persönliches. Politiker sollten sich lieber nicht mit der Aufgabe überladen, dem Bürger eine "Zufriedenheitsgarantie" in Aussicht zu stellen, wie das Opaschowski fordert. Die Verdrossenheit der Menschen ist sonst vorprogrammiert. Denn Garantien auf ein zufriedenes Leben kann nicht einmal der liebe Gott einlösen.

Dieser Beitrag erschien zuvor auf wirtschaftswoche.de.


Ferdinand Knauß ist Redakteur der Wirtschaftswoche.