Volkswirtschaft

Gespenster und unsichtbare Hände

Volkswirtschaft: Gespenster und unsichtbare Hände
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Unsere herkömmlichen Erklärungsmuster reichen nicht mehr aus, um ökonomische Krisen zu erklären. Eric Schreyer über Denkansätze jenseits der Frage nach rationalem Handeln.

10. Jan 2013

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Makroökonomische Prozesse wirken zuweilen etwas unheimlich, wie von Geisterhand gesteuert. Dies gilt besonders für Abläufe und Strukturen der Finanzmärkte. Die jüngsten Schulden-, Banken- und Finanzkrisen haben die Grenzen unserer volkswirtschaftlichen Erkenntnis aufgezeigt, vieles bleibt undurchschaubar.

Offenbar versteht die moderne Finanzökonomie die Welt nicht, die sie selbst hervorgebracht hat. Ihre Erkenntnislücken schließt sie durch Chiffren. Hierzu zählen das Gespenst des Kapitals und die unsichtbaren Hände. Kräfte, die unsere ökonomische Gegenwart bestimmen. Wirtschaftswissenschaftler haben deshalb verständlicherweise Schwierigkeiten, wenn sie nach Vorschlägen zum Umbau unseres Finanzsystems gefragt werden.

Das Gespenst des Kapitals

Im Jahr 2010 publizierte Joseph Vogl einen lesenswerten Essay zu diesem Thema. Als Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin ist er ein Querdenker. Vogl stellt sich die Frage, ob Spekulationsblasen und irrationale Überschwänge bloße Anpassungskrisen sind oder eher reguläre Prozesse des Marktgeschehens. Seine Überlegungen münden in die Kardinalfrage, ob die tradierte Unterscheidung zwischen rational und irrational überhaupt ausreicht, um das Finanzsystems mit all seinen Effekten hinreichend zu erfassen.

Eine Leseprobe:

Gerade die so genannten Krisen der letzten Jahrzehnte haben die Frage veranlasst, ob sich auf den Schauplätzen der internationalen Finanzwirtschaft ein effizientes Zusammenspiel vernünftiger Akteure oder ein Spektakel reiner Unvernunft vollzieht. Es ist jedenfalls nicht ausgemacht, ob der darin beschworene kapitalistische ‚Geist’ verlässlich und rational oder schlicht verrückt operiert.

Vogl zitiert zur Illustration aus Don DeLillos Roman Cosmopolis. Der Fondsmanager und Spekulant agiert bei DeLillo...

...nicht nur schlaflos und überwach, exzessiv und manisch, er ist nicht nur überall und nirgends zuhause, ein Odysseus der Globalisierung und Weltbürger einer monetären Kosmopolis. Ausgezeichnet wird er vielmehr durch das Begehren, die Schwerfälligkeit der materiellen Welt, das Reich der Körper- und Besitzzustände selbst hinter sich zu lassen. Er träumt vom Verlöschend der Gebrauchswerte, vom Schwinden der referenziellen Dimension, er träumt von der Auflösung der Welt in Datenströme und der Alleinherrschaft des binären Codes; und er setzt auf die Spiritualität des Cyberkapitals, das sich ins ewige Licht, in das Leuchten und Flimmern der Charts auf dem Bildschirm überträgt.

Die unsichtbaren Hände

Adam Smith schreibt in seinem berühmten Werk The Wealth of Nations:

It is not from the benevolence of the butcher, the brewer, or the baker that we expect our dinner, but from their regard of their own self-interest. We adress ourselves not to their humanity, but to their self-love, and never talk to them of our necessities, but of their advantage.

Es ist also purer Egoismus, der für gesamtwirtschaftlichen Wohlstand und Effizienz sorgt. Der Grund dafür liegt im beiderseitigen Vorteil freiwilligen Handels. Transaktionen finden nur statt, wenn beide Seiten für sich einen Nutzen erwarten. Im Endeffekt ergibt sich daraus „irgendwie“ eine gesamtwirtschaftliche Effizienz: „An end which was no part of his intention“ (Adam Smith) – als hätte eine unsichtbare Hand die Individuen geleitet.

Aber seit Adam Smith hat sich die Ökonomie stark verändert. Außerdem funktionieren Finanzmärkte anders als die von Smith beschriebenen Gütermärkte. Steigende Aktienkurse drängen die Nachfrage nicht zurück, sondern steigern sie noch. Sinkende Kurse verstärken die Fluchtbewegungen und können zu einem Kursabsturz führen. Das Gleichgewichtstheorem der klassischen Ökonomie wird ins Gegenteil verkehrt. Die Finanzmärkte bewirken „durch rationale Entscheidungsprozesse systematisch Unvernunft“ (Vogl). Weiter schreibt Vogl: „Wenn hier die Wirksamkeit einer unsichtbaren Hand im Spiel ist, manifestiert sich in ihr eine diabolische Natur.“ Abschließend kritisiert er das Verhalten der Politik, die Kosten ihrer Rettungsroutinen auf alle umzuverteilen, während sie selbst kaum noch Einfluss auf die globalisierte Finanzökonomie hat.

Eric Schreyer arbeitet als Manager auf Zeit sowie als beratender Unternehmer. Er war viele Jahre als Geschäftsführer in mittelständischen Unternehmen tätig. Zuvor stand er 18 Jahre bei der Deutsche Bank AG unter Vertrag. Schreyer ist gelernter Bankkaufmann und diplomierter Ökonom. Er schreibt ebenso für seinen Blog Valuation-in-Germany sowie für das Handbuch Unternehmensbewertung im Bundesanzeiger-Verlag. Sie errreichen ihn unter es.mittelstandsberatung(at)googlemail.com. Die letzten Beiträge von Eric Schreyer: