Rechnungslegung

IFRS allein schafft kein Vertrauen

Finanzexperte Torsten Wengel hält eine Bilanzierung nach IFRS für die Mehrheit der deutschen Unternehmen für sinnlos. Das HGB sei für die meisten Finanzabteilungen völlig ausreichend und auch noch billiger.

von Torsten Wengel, am 6. Oktober 2009

CFOworld: Die Menschen fordern weltweit stärkere Kontrollen und mehr Transparenz der Finanzmärkte. Wirkt sich das auf die Weiterentwicklung der International Financial Reporting Standards (IFRS) aus?

Wengel: Die Politik tut zwar angesichts der aufgebrachten Bevölkerung so, als seien umfassende Veränderungen in der Finanzaufsicht geplant, tatsächlich es wohl nur marginale Anpassungen und Verschärfungen geben. Die Regierungen werden es bei moralischen Appellen an die Finanzwelt belassen.

 

CFOworld: Manche Experten befürchten in der kommenden Zeit nationale Alleingänge bei der Rechnungslegung und erwarten einen regelrechten Bilanzierungsprotektionismus. Sehen Sie diese Gefahr?

Wengel: Solche Ankündigungen dienen allein der politischen Außendarstellung.

 

CFOworld: Wären denn strengere Kontrollen und Vorgaben bei der Rechnungslegung nach Ihrer Ansicht überhaupt notwendig?

Wengel: Es gibt bereits viele Regeln für die Rechnungslegung, die nur keiner konsequent umsetzt. Andererseits fehlt eine ausreichend ausgestattete Bilanzpolizei, die eine Befolgung der Vorgaben überwachen könnte. Mit Blick auf die Finanzkrise haben die Zahlen und Vorgaben aus der Rechnungslegung keine Rolle bei den riskanten und von Gier getriebenen Entscheidungen in den Unternehmensführungen gespielt. Was wir brauchen ist vor allem ein Mentalitätswandel im Management solcher Firmen.

 

CFOworld: Über 100 Staaten verwenden heute IFRS, doch gibt es viel Kritik an den Regeln. So erklärte das Europäische Parlament im Februar 2008, dass es den IAS/IFRS-Regeln an Transparenz, Legitimität und Zuverlässigkeit fehle. Was müsste den konkret geschehen, um dies zu ändern?

Wengel: Die IFRS-Regeln beinhalten zu viele unbestimmte Rechtsbegriffe. Dies kann dazu führen, dass Unternehmen sie zu ihrem Vorteil missbrauchen. Zudem sind diese Vorgaben für die meisten Unternehmen hierzulande unnütz. IFRS soll vor allem entscheidungsnützliche Informationen für Kaptialanleger liefern. Dies ist in den USA sicher hilfreich, weil dort die Unternehmensfinanzierung überwiegend über den öffentlichen Kapitalmarkt erfolgt. In Deutschland dominiert historisch bedingt die Bankenfinanzierung.

 

CFOworld: Wieviele Unternehmen betrifft denn IFRS hierzulande?

Wengel: Es gibt rund 800 000 GmbHs, die nicht an der Börse notiert sein dürfen, und selbst von den rund 17 000 Aktiengesellschaften sind nur knapp 1000 gelistet. Nur für diese letztgenannte Gruppe der am Kapitalmarkt orientierter Unternehmen ist IFRS ein Muss. Für alle anderen nicht. Sie bilanzieren nach HGB. Ich begrüße es daher, dass in dem im Mai veröffentlichten Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) des Handelsgesetzbuchs (HGB) die bisherigen HGB-Regeln über die Grundsätze hinaus weitgehend erhalten geblieben sind und Wahlrechte abgebaut wurden.

 

CFOworld: Im Juli wurden auch die lang erwarteten IFRS-Regeln für kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) veröffentlicht, die eine vereinfachte Version der bisherigen Regeln darstellt. Ein Fortschritt?

Wengel: Auch abgespeckte Regeln werden der Situation in Deutschland nicht gerecht. Für KMUs ist das BilMoG völlig ausreichend, weil es keine börsenorientierten Kapitalanleger sind, die solche Informationen benötigen. Zudem kommt den Firmen ein Abschluss nach IFRS wesentlich teuer als nach HGB. Hinzu kommt, dass viele kleine Steuerberatungen mit den Regeln überfordert sind und sich für IFRS erst einmal entsprechend schulen lassen müssten.

 

CFOworld: Aber Partner und Banken müssten es doch begrüßen, wenn auch ein nicht an der Börse gehandeltes Unternehmen nach IFRS bilanziert, um für mehr Vertrauen im Markt zu werben?

Wengel: Natürlich kann jedes Unternehmen für die eigene Reputation seine Bilanz freiwillig auch nach IFRS vorlegen. Dies bedeutet aber, dass es dann auch sämtliche Regeln befolgen muss. Sicher sorgen Unternehmensabschlüsse nach IFRS für mehr Transparenz gegenüber den Banken als ein Abschluss nach HGB, doch sind Informationen, die heute Banken von einem Unternehmen verlangen, andere. So müssen Finanzinstitute das Kreditwesengesetz und das Rating-Verfahren nach Basel II beachten, was bei den kreditnachfragenden Unternehmen im Rahmen der Kreditantragstellung zwangsläufig zu einer Öffnung führt, die über die Abschlussinformationen weit hinausgeht.

 

CFOworld: Was empfehlen Sie Finanzvorständen in punkto Kaptialbeschaffung und Transparenz?

Wengel: Allein durch eine transparentere Rechnungslegung können Unternehmen ihre Liquidität nicht verbessern. Geldgeber wollen heute vor allem die Erfolgsaussichten und die Ertragskraft eines Unternehmens einschätzen können. Dazu benötigen Sie ausreichende Unterlagen, zu denen neben betriebswirtschaftlichen Auswertungen immer öfter auch Planungsdaten für die kommenden Jahre gehören. Zudem ist viel Psychologie im Spiel, ob ein Kreditgeber einem Unternehmen letztlich vertraut.

 

CFOworld: Glauben Sie, dass das Hausbankmodell eine zweite Renaissance erleben könnte?

Wengel: Davon gehe ich aus, da viele deutsche Firmen traditionell nach Sicherheit streben und den offenen Kapitalmarkt meiden.

 

Torsten Wengel ist Professor am Fachbereich Betriebs- und Sozialwirtschaft des RheinAhrCampus der Fachhochschule Koblenz am Standort Remagen. Zudem ist er Verfasser des Handbuchs "IFRS kompakt", erschienen im Oldenbourg Wissenschaftsverlag, ISBN 978-3-486-58406-6.

 

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