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Wirtschaftskriminalität steigt

"Das wird ihn den Kopf kosten"

Der Durchschnittstäter ist der männliche Mittvierziger, verheiratet, überdurchschnittlich gebildet – und er gehört seinem Unternehmen schon etwa zehn Jahre an. Das ist bereits in den letzten Jahren aus den Studien von PWC, KPMG oder Steria Mummert hervor gegangen. Die Kanzlei RölfsPartner aber veröffentlichte jetzt in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig eine Studie, die vier konkrete Tätertypen beschreibt.

von Alexa v. Busse, am 7. Dezember 2009

Sein Chef hatte ihm gesagt, dass die Abteilung womöglich umstrukturiert werde. Und dass er gute Arbeit geleistet habe, aber nun müsse jeder seinen Teil beitragen. Was das genau heißen sollte, wusste Schulz nicht. Nur, dass es nichts Gutes war. Verärgert waren seine Augen der Hand von Müller, seinem Chef, gefolgt, die dieser ihm noch väterlich auf die Schulter gelegt hatte.Datenklau wird immer häufiger „Arroganter Sack“, dachte sich Schulz dabei, „ hat doch keine Ahnung, wie ich mich hier hoch gekämpft habe, bevor er mit seinen Wurstfingern fettige Abdrücke auf dem Schreibtisch hinterließ, an dem ich hätte sitzen sollen.“ Schulz ärgerte sich nicht zum ersten Mal – und plötzlich kam ihm eine Idee: Die Visitenkarte, die ihm ein Kollege von der Konkurrenz vor ein paar Wochen zugesteckt hatte. Damals hatte er das Angebot noch empört abgewiesen. Aber um die Ordner mit den vertraulichen Daten kümmerte sich Müller sowieso nie, Schulz machte ja alles. „Der wird sich wundern, was man in einer seiner angeordneten Nachtschichten alles bewegen kann“, sagte sich Schulz. „Und dass er die Kontrollen aus Spargründen abgeschafft hat, wird ihn den Kopf kosten.“

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Ein Drittel der Kriminalität findet in der Wirtschaft statt

Die plötzliche Motivation zur unerlaubten Handlung

Prof. Dr. Hendrik Schneider, Leiter der Leipziger Akademie für angewandtes WirtschaftsrechtSo oder so ähnlich finden die meisten Wirtschaftsstraftaten ihren Ursprung. „Krisentäter“ nennen Dieter John (unten), Leiter des Competence Center Fraud, Risk, Compliance bei RölfsPartner [4], und Prof. Dr. Hendrik Schneider, Leiter der Leipziger Akademie für angewandtes Wirtschaftsstrafrecht [5], die häufigsten Straftäter in Unternehmen. Es sind Menschen, die durch ein besonderes berufliches oder privates Ereignis plötzlich Motivation schöpfen, etwas Unerlaubtes zu tun. Denn „der Müller muss das Geld für den Schuhschrank seiner Frau ja irgendwo abzweigen“, denkt sich ein Schulz. Oder „die meinen, die Zeiten seien so schlecht, dabei raffen sie nur alles in die eigene Tasche“, denkt sich ein Schmidt – und öffnet dabei seine eigene. Der Krisentäter schraubt seine Ansprüche auch in schwierigen Zeiten nicht zurück, vielmehr holt er sich, was ihm seiner Meinung nach zusteht.

 

Wer die interne Revision abbaut, darf sich nicht wundern

Das Bundeskriminalamt kennt solche Fälle zur Genüge [6]: Für rund ein Drittel aller in der Kriminalstatistik erfassten Schäden ist die Wirtschaftskriminalität verantwortlich. 84.550 Delikte verursachten im letzten Jahr einen Schaden von insgesamt 3,4 Milliarden Euro in Deutschland. Die entdeckten Taten haben im Vergleich zu 2007 zwar leicht abgenommen, und die Schadenssumme ist sogar um 16,7 Prozent gesunken, doch diese positiven Tendenzen kann man auch anders interpretieren. Die Ergebnisse der Studien von PriceWaterhouseCoopers [7] und RölfsPartner [8] sprechen dafür, dass die vielen Krisentäter eher kleinere Vermögensdelikte begehen, die unerkannt bleiben. Dieter John, Experte für Witschaftskriminalität bei RölfsPartnerDeshalb empfiehlt Dieter John: „Gerade in der Krise sollten Unternehmen verstärkt auf Prävention setzen.“ Und für ein gutes Betriebsklima sorgen, denn John mahnt weiter: „Wer in einer Wirtschaftskrise die Umsatzvorgaben für den Vertrieb nicht anpasst oder die Kontrollen, etwa durch Abbau der internen Revision, reduziert, darf sich nicht wundern, wenn es in seinem Unternehmen zu Wirtschaftskriminalität kommt.“

 

Die Tätertypen

Vom Ergreifer zum Sucher

Dieter John weiß das, denn zusammen mit Hendrik Schneider hat er Gerichtsurteile gewälzt und Praxisurteile ausgewertet. Dabei wurde klar: Der Schritt vom gelegenheitsergreifenden Krisentäter hin zum Gelegenheitssucher ist oft ein sehr kleiner. „Einem Schulz könnte auch aufgefallen sein, dass sein Chef ein Konto aus dem Blick verloren hat. Er wartet im Grunde auf die Gelegenheit, die Beträge auf ein eigenes Konto umzuleiten, aber dafür hat er dann ganz nebenbei eine Briefkastenfirma weit weg in Halle gegründet und in den Mittagspausen ein wenig Müllers Unterschrift geübt“, erklärt Schneider. „Und wenn es soweit ist, macht es die Bank einem Schulz ja auch leicht: Er muss bloß den Überweisungsauftrag als gescanntes Dokument schicken – die checken das noch nicht einmal gegen.“

 

Vom Chronischen bis zum Unauffälligen

Anhand solcher Fälle haben John und Schneider vier Typen von Wirtschaftsstraftätern identifiziert. Der Krisentäter ist ein erfolgsorientierter Mensch mit einer kontinuierlichen Erwerbsbiographie,Tätertypen (hofschlager) der sich durch ein bestimmtes Ereignis einem Druck ausgesetzt sieht, dem er nicht standhält. Seine Neutralisierungsstrategie ist eine Straftat, hinterher ist er aber meist geständig. Anders als „der Chronische“, der kaum Unrechtsbewusstsein oder Geständnisbereitschaft zeigt. Er ist der klassische Gelegenheitssucher und häufig Quereinsteiger mit ständig wechselnden Jobs. „Earning and burning money“ nennt er seinen Lebensstil, der in bestimmten Phasen wie zum Beispiel der Midlife Crisis besonders ausschweift. Das muss finanziert werden. Der chronische Tätertyp ist der einzige, bei dem vermehrt Vorstrafen vorkommen. Ein dritter Typ ist „der Abhängige“. Wie oft auch der Krisentäter ist er Gelegenheitsergreifer, läuft aber im Gegensatz zu letztem nicht Gefahr, langfristig zum Sucher zu werden. Er handelt oft weisungsunterworfen und erwartet im Falle des eigenen Widerstandes Repressionen. Und schließlich gibt es noch „den Unauffälligen“, der ausschließlich aus der Gelegenheit heraus handelt. Er ist sozial unauffällig und hat allenfalls kritische Relevanzbezüge.

 

Die Defizite in Großunternehmen

Das Ziel, Compliance-Strategien ableiten und Straftaten im Unternehmen verhindern zu können, verfolgt auch PriceWaterhouseCoopers [9]. Seit 2001 erscheint deren Studie zur „Sicherheitslage in deutschen Großunternehmen“ alle zwei Jahre. 2009 sind erstmals Originalantworten auf offene Fragen enthalten - zum Beispiel nach den Ursachen der Kriminalität.Rund 85.000 Delikte verzeichnet das BKA jährlich in puncto Wirtschaftskriminalität (brainloc) Und die Antworten zeigen schwarz auf weiß, was einige Führungskräfte vielleicht schon als Normalität wahrnehmen: „Die Ursachen lagen zum einen darin, dass zu viel Macht auf zu wenige Personen verteilt war, dass das Vieraugensystem nicht strikt genau durchgeführt war, und auch darin, dass kein funktionierendes institutionalisiertes Kontrollsystem bestand. Verhindern hätte man das können durch dieses Kontrollsystem und das kompetente Ausführen des Vieraugenprinzips.“ Das sind die Worte eines Insiders aus der Automobilindustrie. Von einem Betrieb mit 1000 bis 5000 Mitarbeitern sollte man erwarten können, dass das Prinzip der Unterschriftenkontrolle funktioniert, aber auch ein Mitarbeiter eines doppelt so großen Unternehmens aus der Energie-, Versorgungs- und Bergbaubranche berichtet ähnliches: „Ein gravierender Fall war der Verstoß eines Geschäftsführers gegen die bestehende Unterschriftenregelung (Vieraugensystem) und die Verpflichtung zur Information des Alleingesellschafters dieser GmbH über die Existenz dieses Vertrages, der unterzeichnet wurde, und da ging’s mal eben um Millionen. Ein anderer Fall war ein Spesenabrechnungsbetrug.“

 

Compliance-Strategien sind gefragt

Es hängt zuviel vom Zufall ab

Für 2010 erwarten deutsche Unternehmen laut PWC [10] einen weiteren Anstieg der Wirtschaftskriminalität – aufgrund des hohen finanziellen Drucks in der Krise besonders bei Wettbewerbsdelikten. Bisher führen Vermögensdelikte und Verstöße gegen Patent- und Markenrechte die Liste an, inzwischen aber dicht gefolgt von Diebstählen vertraulicher Kunden- und Unternehmensdaten. Ob aus Sorge vor Arbeitsplatzverlust, allgemeinem Frust oder einfach nur Gier – Fakt ist, dass Compliance und Corporate Integrity einen weiteren Bedeutungszuwachs brauchen, vor allem in Deutschland. Whistle-Blower-Systeme sind noch zu wenig verbreitet (juliaf)George W. Bush hatte 2002 Sarbanes Oxley [3]unterschrieben und damit das Whistle-Blower-System gestärkt, welches hierzulande noch keine vergleichbare Anerkennung findet. Zwar ist der Anteil geplanter Hinweisgebersysteme an der Aufdeckung von Wirtschaftsdelikten von null auf drei Prozent gestiegen, aber nur etwa ein Drittel deutscher Unternehmen verfügt bisher über ein solches System. Auch andere kontrollierte Maßnahmen zur Aufdeckung von Wirtschaftskriminalität haben keine nennenswerten Zuwächse erfahren, der Anteil der internen Revision ist sogar gesunken. Somit hängt nach wie vor viel vom Zufall ab.

 

Ein Zeugnis für die Führung

PWC empfiehlt deshalb, die Unternehmenskultur, speziell die informelle soziale Kontrolle, weiter zu prägen. Je höher die Kommunikationsbereitschaft und Transparenz in einem Unternehmen ist, desto mehr potenzielle Täter müssen befürchten, auf strafbare Verhaltensweisen angesprochen zu werden und Ächtung zu erfahren.Je höher die Transparenz im Unternehmen, desto eher wird Wirtschaftskriminalität entdeckt. (xafia) Die Experten von RölfsPartner [11] nennen zu jedem ihrer Typen außerdem eine Strategie der frühzeitigen Behinderung. So könnte der Chronische bereits durch Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses oder Nennung von Referenzpersonen erkannt und bereits die Einstellung verhindert werden. Der Krisentäter könnte durch die Sensibilisierung der Führungskräfte von einer Gelegenheit abgehalten werden, und den Abhängigen und Unauffälligen würde schon eine angemessene Prozesskontrolle der Tatgelegenheiten helfen.

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[2] http://www.cfoworld.de/10/compliance
[3] http://www.cfoworld.de/gegen-bestechung-und-betrug-vorgehen
[4] http://www.roelfspartner.de/de/wp/leistungsspektrum/wp/wp-1.htm
[5] http://www.laaw.de/
[6] http://www.bka.de/lageberichte/wi/wikri_2008.pdf
[7] http://www.pwc.de/portal/pub/cxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLd4p3dg3SL8h2VAQAC2vaRg!!?topNavNode=49c4e4a420942bcb&siteArea=49c234c4f2195056&content=e5e63d0e671556a
[8] http://www.roelfspartner.de/de/wp/leistungsspektrum/wp/files/rp_studie_wikri-studie_final.pdf?
[9] http://www.pwc.de/portal/pub
[10] http://www.cfoworld.de/unternehmen-lassen-sich-effektiver-steuern
[11] http://www.roelfspartner.de/de/portal/index.htm
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