
Die neue europäische Finanzaufsicht EBA (European Banking Authority) will heute die Kriterien für die europäischen Stresstests veröffentlichen. Experten winken ab.
Schon im Vorfeld wird, wie übrigens im vergangenen Jahr, heftig über die Aussagekraft der neuen Testreihe [1] gestritten. Die European Banking Authority (EBA [2]) hat durch ihre Verbesserungsvorschläge bereits indirekt eingeräumt, dass die Tests im vergangenen Jahr wenig aussagekräftig waren, was damals Regierungen und Aufsichtsbehörden bestritten hatten (siehe auch die harrsche Kritik des Center for European Policies [3] an dem geplanten Stresstest).
Stresstests sollen ja bekanntlich die Wirkungen von extremen Finanzmarkt- und Wirtschaftssituation auf die Solvenz und Zahlungsfähigkeit von Banken prüfen. Die neue Testreihe gibt aber keine Auskunft darüber, ob eine Bank wirklich sicher ist, weil Extremszenarien ausgeklammert werden. Daneben werden hier die sensiblen Liquiditätswirkungen kritischer Situationen gar nicht erst untersucht (siehe dazu das Handelsblatt-Interview mit Franz-Christoph Zeitler [4], Vizepräsident der Bundesbank), sondern nur Auswirkungen auf das Eigenkapital. Liquiditätsstresstest werden in einem separaten Verfahren mit deutlich weniger öffentlicher Aufmerksamkeit geprüft.
Die Finanzhäuser müssen auf Basis der von der EBA vorgegebenen Eckpunkte deren Wirkungen auf ihre Bilanzen ermitteln. Bisher sickerte zu den Eckpunkten [5]u.a. durch, dass im "Extrem-Szenario" die Wirkung eines Einbruchs des europäischen Wirtschaftswachstums um 0,5% simuliert werden soll. Nur zur Erinnerung, während der Finanz- und Wirtschaftskrise brach das Wachstum um über 5% ein. Daneben lassen solche Daten den Instituten viel Spielraum, weil sich aus ihrer Vorgabe der Umfang von Kreditausfällen und Abschreibungen nicht eindeutig ableiten lässt.
Es überrascht mittlerweile nicht mehr, dass der Ausfall bzw. der Schuldenschnitt (= Haircut) eines Staatsschuldners offenbar wieder nicht vorkommt in den Planspielen. Dies ist angesichts der öffentlichen Diskussion über die Zahlungsfähigkeit Griechenlands [6] und anderer Staaten schon jetzt ein zentraler Kritikpunkt.
Erstaunlich, dass diesmal erstmalig die Wirkungen steigender Zinsen auf die Refinanzierung untersucht werden. Das könnte gerade für die Institute unangenehm werden, die langfristige Ausleihungen kurzfristig refinanzieren und sich nicht gegen steigende Zinsen abgesichert haben.
Lesen Sie weiter wie es in den Tests um das so genannte Bankbuch bestellt ist und wieso die Finanzhäuser wenig zu befürchten haben..
Ein weiterer Kritikpunkt, auf den man gespannt sein darf, ist der Umgang mit dem so genannten Bankbuch. Dieses betrifft Kredite und andere langfristig gehaltene Vermögenstitel der Banken, die nach den Bilanzierungsvorschriften im Anlagevermögen gehalten werden und dort im Normalfall zu fortgeführten Anschaffungskosten und nicht zu niedrigeren Marktwerten bilanziert sind.
Zu lesen ist [7], dass die Aufseher das Bankbuch wieder aus Stresstest ausklammern wollen. Begründet wird dies damit, dass dort die Anlagen liegen, die bis zu ihrer Fälligkeit gehalten werden und dann zum Nennwert zurück gezahlt werden. Das nützt freilich wenig, wenn eine Bank diese Anlagen zwischendurch verkaufen muss, um an Liquidität zu gelangen.
Gespannt sein darf man, wie die Institute mit eigenen Verbindlichkeiten umgehen dürfen. Verschlechtert sich die Bonitätssituation einer Bank, verlieren deren Verbindlichkeiten tendenziell an Marktwert. Unter bestimmten Bedingungen dürfen Banken diese Wertabschläge auf der Passivseite abschreiben (siehe dazu diesen Beitrag). Dadurch entsteht dann ein das Eigenkapital erhöhender Gewinn, obwohl sich an der Höhe der Verbindlichkeiten
Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass auch dieser Stresstest nicht den Anforderungen entspricht, die sich etwa der Baseler Ausschuss in einem Konsultationspapier [8] 2009 vorstellt. Der Ausschuss fordert, dass Stresstests nicht auf wenige, singuläre Stresspfade begrenzt sein sollten, sondern eine Reihe von zukünftigen Szenarien beinhalten, die jenseits der Vorstellungskraft liegen ("think the unthinkable") (siehe Zusammenfassung auf Risknet [9]) berücksichtigen sollten. Davon kann hier keine Rede, denn eine Umschuldung Griechenlands liegt ja bereits diesseits der Vorstellungskraft der Finanzmärkte.
Viel Stress wird dieser Test den Finanzhäusern also nicht bringen. Harte Knackpunkte werden ausgeklammert und die Liquiditätswirkungen werden gar nicht erst Bestandteil dieser Prüfung. So bleibt der einzige öffentliche "Stresstest" der Kollaps der Geld- und Kapitalmärkte im Herbst 2008 nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman. Und den haben bekanntlich viele Institute nicht bestanden.
Nachtrag: mittlerweile sind die Details zu den neuen europäischen Stresstests [10] veröffentlicht worden.
Links:
[1] http://de.reuters.com/article/companiesNews/idDEBEE72901A20110310
[2] http://www.eba.europa.eu/
[3] http://www.cfoworld.de/sinnloser-banken-stresstest
[4] http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken/analysen-zur-liquiditaet-getrennt-durchfuehren/3771784.html?p3771784=2
[5] http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken/europaeische-bankenaufsicht-nennt-details-fuer-stresstests/3925596.html
[6] http://www.faz.net/s/Rub3ADB8A210E754E748F42960CC7349BDF/Doc~E1F360C9F47A34498A95E31C07EB382AD~ATpl~Ecommon~Scontent.html
[7] http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE72205J20110303
[8] http://www.bis.org/publ/bcbs147.htm
[9] https://www.risknet.de/risknews/ein-blick-in-die-zukunft-mit-stresstests/cf04e8176cc058acc2589ff3d26a79da/
[10] http://www.eba.europa.eu/cebs/media/Publications/Other%20Publications/2011%20EU-wide%20stress%20test/EBA-ST-2011-003--%28Overview-of-2011-EBA-EU-wide-stress-test%29.pdf