CFOworld
Veröffentlicht auf CFOworld (http://www.cfoworld.de)

Startseite > Management > Kreditvergabe in Gefahr

Spannungen am Interbankenmarkt

Kreditvergabe in Gefahr

Was braut sich da zusammen? Banken leihen sich untereinander kaum noch Geld. Die Kreditbeschaffung für Unternehmen droht neuerlich schwieriger zu werden.

von Dirk Elsner, am 29. Juni 2010

Für CFOs und andere Finanzverantwortliche waren die letzten 24 Monate schwer genug. Hier muss nicht wiederholt werden, was seit der Pleite von Lehman im Herbst 2008 auf den Märkten für Unternehmensfinanzierung los war. In vielen Unternehmen hat man nun nach mühevoller Kleinarbeit das Working Capital optimiert [1] und die Liquiditätsversorgung sichergestellt und glaubte, endlich durchatmen zu können. Nun braut sich am Horizont möglicherweise die nächste Kreditklemme zusammen (siehe auch die Kommentare der KfW zur Kreditvergabe in Deutschland [2]).

Mehr zum Thema

  • Management [3]
  • Cash Management [4]

Weitere Beiträge

  • Status Quo Unternehmensfinanzierung [2]
  • Miese Zahlungsmoral in Europa [5]

Europäische Banken misstrauen einander

Die Anspannungen an den europäischen Geldmärkten haben sich in den letzten Wochen zeitweise wieder deutlich verschärft. Europäische Banken leihen sich untereinander kaum noch Geld und parken ihre Liquidität lieber bei der Europäischen Zentralbank. Dort erreichten die Einlagenfazilitäten [6] an einigen Tagen neue Rekordstände und übertrafen damit das Post-Lehman-Niveau. Marktbeobachter werten die starke Nutzung der Einlagenfazilität als Zeichen mangelnden Vertrauens der Banken untereinander. Trotz der europäischen Milliardengarantien sind die Kreditinstitute also um ihre gegenseitige Bonität [7] besorgt.

Refinanzierungsbedarf steigt

Noch ist unklar, ob die Vertrauenskrise sich wirklich massiv auf die Kreditvergabepraxis auswirken wird. Zwar ist der bisher von einigen Auguren befürchtete Kreditschock ausgeblieben, dennoch könnten die Verspannungen am Interbankenmarkt schnell wieder auf den Kapitalmarkt für Unternehmen überspringen. Dazu kommt der in den nächsten Monaten und vor allem Jahren latent steigende Refinanzierungsbedarf, wie etwa langfristige Kreditverträge, Anschlussfinanzierungen von mit Fremdkapital finanzierten Unternehmensübernahmen [8] und vor allem der steigende Eigenkapitalbedarf der Banken.

Keine hörbaren Warnsignale

Trotz aufgeregter Schlagzeilen in der Tagespresse, wie etwa Geldmarkt weckt Lehman-Erinnerungen, [9] senden aber die Märkte für Unternehmensfinanzierung keine Warnsignale aus. Nimmt man etwa die Renditeabstände erstklassiger Unternehmensanleihen auf Bundesanleihen zum Maßstab, dann deutet hier (noch?) nichts auf Anspannungen hin. Große Konzerne, wie etwa die Deutsche Bahn, platzierten zudem problemlos große Tranchen zur Refinanzierung.

Keine Panik!

Pauschales Bange machen vor einer neuen Kreditklemme scheint derzeit trotz der Anspannungen in der Eurozone übertrieben zu sein. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine wissenschaftliche Untersuchung [10], nach der Unternehmensanleihen sogar von Kapitalmarktkrisen profitieren können. Dennoch sollte sich das Treasury nicht zurück lehnen, zumal nicht klar ist, wie die Finanzmärkte auf die beabsichtigte Veröffentlichung von Stresstests reagieren

Wie reagieren die Hausbanken?

Dies gilt insbesondere für Unternehmen, die sich nicht direkt über den Kapitalmarkt, sondern über ihre Hausbank finanzieren. Und hier können die Spannungen am Geldmarkt in der Tat ein Indiz dafür sein, dass einige Banken ihre Kreditvergabe tendenziell eingeschränken, denn erstes Ziel für Kreditinstitute ist es, liquide zu bleiben. Funktioniert aber der Interbankenmarkt nicht richtig, dann bleibt nur die Liquiditätsbeschaffung über die Zentralbank oder durch die möglichst kurze Bindung herausgegebener Mittel, sprich Kredite. 

Risikoprämien überwachen

Finanzverantwortliche sollten genau beobachten, wie sich die Risikoprämien auf die Verbindlichkeiten [11] ihrer Banken entwickeln. Die Preise für die sogenannten Credit Default Swaps [12] spiegeln bekanntlich die Bonitätserwartungen gegenüber den einzelnen Banken wider. Hier gilt: je höher die Prämie, desto höher wertet der Markt das Risiko und desto teuer ist die Refinanzierung für das einzelne Institut. Eine teure Refinanzierung wiederum könnte sich auf die Bereitschaft auswirken, Kredite zu vergeben.

Informationen zu Credit Spreads

Sofern Finanzentscheider über ihre Datenvendoren nicht an die Credit Spreads [13]für ihre Banken kommen gelangen, können sie sich hilfsweise über diese Seite des Deutschen Derivateverbands [14]informieren. Hier werden täglich die aktuellen Credit Spreads ausgewählter Institute veröffentlicht. Preise sind natürlich nur für Institute erhältlich, die sich selbst über den Kapitalmarkt refinanzieren.  

Bonität bringt Sicherheit

Unternehmen mit erstklassiger Bontität, sollten sich nicht beunruhigen lassen. Für Unternehmen, die freilich selbst aufgrund schwankender Bonität in einer Finanzierungsklemme stecken, kann es noch keine Entwarnung geben. Unternehmen sollten also weiter ihre aktuelle und mittelfristige Liquiditätssituation genau und aktiv managen und ins Kalkül ziehen, dass sich nicht alle Kreditlinien problemlos prolongieren lassen.

 

* Dirk Elsner war mehrere Jahre als Bereichsleiter einer Bank und Geschäftsführer einer mittelständischen Unternehmensgruppe beschäftigt. Heute berät er für die INNOVECS GmbH [15] Banken und mittelständische Unternehmen. Er ist Autor der CFOworld.

Diesen Artikel per Email empfehlen [16] Diesen Artikel drucken [17]

Quellen-URL: http://www.cfoworld.de/kreditvergabe-in-gefahr

Links:
[1] http://www.handelsblatt.com/unternehmen/strategie/firmen-finanzierung-der-beste-weg-um-an-geld-zu-kommen;2602759
[2] http://www.cfoworld.de/status-quo-unternehmensfinanzierung
[3] http://www.cfoworld.de/33/management
[4] http://www.cfoworld.de/7/cash-management
[5] http://www.cfoworld.de/miese-zahlungsmoral-in-europa
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Einlagefazilit%C3%A4t
[7] http://www.cfoworld.de/612/bonitaet
[8] http://www.faz.net/s/Rub09A305833E12405A808EF01024D15375/Doc%7EEC4D503BCAC0C474AAA1F2CA48BC4C6AE%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html
[9] http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/anleihen-devisen/:vertrauenskrise-geldmarkt-weckt-lehman-erinnerungen/50123616.html
[10] http://www.matthias-schlecker.de/file_download/19/Pape+Schlecker+2009+Reaktion+von+Credit+Spreads+auf+Finanzmarktkrisen.pdf
[11] http://www.cfoworld.de/613/verbindlichkeiten
[12] http://www.bundesbank.de/download/volkswirtschaft/mba/2004/200412mba_cds.pdf
[13] http://www.matthias-schlecker.de/berechnung-des-credit-spread
[14] http://www.deutscher-derivate-verband.de/DEU/Transparenz/CreditSpreads
[15] http://www.innovecs.de/index.php
[16] http://www.cfoworld.de/forward?path=kreditvergabe-in-gefahr
[17] http://www.cfoworld.de/print/kreditvergabe-in-gefahr