Open Source-Angebote für das Berichtswesen und Analysen scheinen eine günstige Alternative zu gängigen Business-Intelligence-Tools. Doch oft sind die tatsächlichen Einsparungen gering.
An dem Nutzen und vor allem Kostenvorteil quelloffener Software (Open-Source) für Reporting [1] und Analyse sowie Datenmanagement scheiden sich die Experten-Geister. Selbst die Marktanalysten von Gartner [2], die dereinst den Begriff Business Intelligence für derartige, im Controlling mittlerweile weit verbreiteten Wekzeuge prägten, sind sich über die Bedeutung von Open-Source-Produkten nicht einig. Während sie zu Beginn des Jahres Open Source als Trend [3] in Sachen Business Intelligence [4] (BI) ausriefen, relativierte kurze Zeit später Andreas Bitterer, Research Vice President im gleichen Hause, diese Einschätzung. Unausgereift und überschätzt [5] seien die Angebote und auch als Mittel zur Kostensenkung nur bedingt geeignet, so Bitterer in einem Webinar.
Auch andere Experten sind uneins. Lesen Sie ihre Antworten auf die fünf wichtigsten Fragen zu Open-Source-BI.
"Weniger als fünf Prozent der Unternehmen setzen derartige Lösungen ein", sagt Barney Finucane vom Business Application Research Center (BARC [13]). Ein leichtes Wachstum sei im Segment festzustellen, allerdings derzeit nicht in nennenswertem Ausmaß. Auch von den etablierten BI-Anbietern würden die Open Source-Vendors nicht als echte Konkurrenz betrachtet.
Laut Bitterer wird in den kommenden Monaten lediglich das quelloffene Datenbanksystem MySQL [14] größere Zuwächse verbuchen können. Bei Datenbank-Management-Systemen fürs Data Warehouse [15] bevorzugen Gartner-Kunden ansonsten eindeutig proprietäre Software.
"Wenn man unter einem Trend Markteinfluss mit einem gewissen Momentum und kritischer Größe versteht, ist er jedenfalls in Deutschland nicht auszumachen", konstatiert auch Carlo Velten, Senior Advisor bei Experton [16]. Im angelsächsischen Raum, aus dem die größten Open Source-BI-Anbieter wie Jaspersoft oder Pentaho stammen, oder in Frankreich sei die Entwicklung wesentlich weiter fortgeschritten.
In Deutschland bilde in höherem Maße als anderswo Enterprise Resource Planning (ERP) das Rückgrat der IT, auf das BI-Tools in der Regel aufsetzen. Was das bedienen dieser Schnittstellen sowie Integration und Implementierung angeht, haben laut Velten die etablierten Anbieter eindeutig die Nase vorn. Open Source-BI tue sich hierzulande aber auch deshalb schwer, weil es an auf diese Lösungen spezialisierten Dienstleistern fehle, ohne die entsprechende Projekte kaum zu stemmen seien (ein Gegenbeispiel ist der Süddeutsche Verlag, der die Open-Source-Software Palo erfolgreich im Konzerncontrolling einsetzt [17]).
Etwas positiver beurteilt man die Lage bei IDC [18]. "Ja, wir sehen durchaus einen Trend hin zu For-Free-Software“, sagt Analyst Rüdiger Spies. Damit seien neben echten Open-Source-Lösungen auch sehr günstige proprietäre BI-Angebote gemeint. Etablierte Anbieter schnüren zum Beispiel Reporting-Tools oder ETL-Funktionen zu speziellen Paketen mit keinen oder sehr geringen Lizenzkosten. "Quasi Testpakete zum Schnupperpreis, die über die Support- und Projektkosten refinanziert werden", so Spies.
Die Nachfrage nach diesen Angeboten ebenso wie nach genuinen Open Source-Produkten zeige den wachsenden Bedarf nach Lösungen jenseits der umfassenden BI-Suiten. "Nach unserer Einschätzung experimentiert ein Fünftel der Unternehmen in irgendeiner Weise mit Open Source-BI", so Spies.
Ihren Platz haben Open Source-Lösungen bislang vor allem "in den Randbereichen von BI", wie es Finucane formuliert. Er meint damit insbesondere Data Mining [19] und Datenintegration. Im Data Mining seien die Open Source-Angebote am weitesten entwickelt. "Die Lösungen stammen oft aus dem akademischen Umfeld und schwappen allmählich in kommerzielle Unternehmen über", so Finucane. Die Open Source-Community sei in der Lage, spezielle Data Mining-Algorithmen bereit zu stellen. Das mache die Angebote neben ihrem Preis für Unternehmen attraktiv.
Der Bereich Datenintegration hinke wegen der hohen Komplexität der Anwendungen im Vergleich etwas nach, so der BARC-Analyst. Bei Analyse- und Reporting-Tools sowie OLAP-Datenbanken spiele Open Source hingegen noch keine wirkliche Rolle. "Die Angebote werden langsam besser, aber zur Reife fehlt noch ein Stück", so Finucane.
Gartner schätzt die Lage genau andersherum ein. Reporting, Analyse und Dashboards sieht Bitterer als Funktionen, bei denen Open Source-Lösungen mit proprietärer Software oft mithalten können. Hingegen seien die Unterschiede beim Data Mining beträchtlich. So gebe es kaum quelloffene Software, die auf ähnlichem Niveau mit unstrukturierten Daten umgehen könne wie kommerzielle Lösungen. Auf dem Gebiet der Datenintegration gebe es aktuell zwar viele kleine Projekte, aber kaum vollständige Plattformen auf Open Source-Basis. "Bei großen Implementierungen, wo es um große Data Warehouses geht, sehen wir allerdings kaum Open Source-Einsatz", so Bitterer.
Einigkeit herrscht zwischen den Analysten darin, dass sich Open Source-BI derzeit fast ausschließlich auf nicht-kritische Anwendungen beschränkt. Sobald es um sichere Transaktionen oder größere Installationen geht, finden quelloffene Lösungen kaum Anwendung.
Experton-Analyst Velten beobachtet, dass es in einzelnen Fachbereichen wie Marketing oder Vertrieb eine Tendenz zu verstärktem Einsatz von Open Source gebe. Dahinter stehe die derzeitige Entwicklung, dass Fachbereiche an der IT-Abteilung vorbei selbst Lösungen für ihren speziellen Bedarf suchen. Dem CIO, der um eine einheitliche IT-Landschaft bemüht ist, behagt die Entwicklung in der Regel nicht. In der Tat torpediere das Zurückgreifen auf vereinzelte Open Source-Lösungen oft das an sich richtige Ziel der Einheitlichkeit, so Velten. Es hänge jedoch letztlich vom Einzelfall, ob der punktuelle Open Source-Einsatz sinnvoll sei.
Eine Senkung der Software-Kosten ist das Hauptmotiv von Unternehmen, auf Open Source zu setzen. In einer Gartner-Umfrage sagten 87 Prozent der Anwender, sie wollten so die Gesamtkosten (TCO) für Software senken. Hohe Erwartungen also nicht allein an die Reduzierung der Lizenzkosten, sondern auch an geringere Kosten [20] für Support und Personal.
Die Analysten dämpfen diese Hoffnungen nachdrücklich. Nur jedes zweite Unternehmen erreiche das angepeilte Sparziel auch, so Bitterer. Das liege zum Beispiel an zum Teil beträchtlichen Support-Kosten, die zumeist unterschätzt würden. Stelle man die Ersparnis an Lizenzkosten [17] den Ausgaben für Support und Personal gegenüber, blieben am Ende Ersparnisse „von 20 bis 30 Prozent – mehr nicht“ übrig, so der Gartner-Analyst.
"Auch die Anbieter von Open Source-Software wollen Geld verdienen", sagt BARC-Analyst Finucane. Es würden zwar stets kostenlose Basis-Versionen angeboten, die jedoch die Bedürfnisse größerer Unternehmen in Praxis kaum befriedigen. "Für den Bedarf einzelner Fachabteilungen mögen diese kostenlosen Tools genügen", so Finucane. Ansonsten komme man um die leistungsstärkeren, aber eben auch kostenpflichtigen Lösungen der Open Source-Anbieter nicht herum. Was den Support angeht, macht der BARC-Analyst den Anwendern hingegen Mut. Die Anbieter versuchten klassischerweise damit im Vergleich zu den Branchengrößen zu punkten, so dass sich von Seiten der Anwender hier gute Konditionen erzielen lassen sollten.
Nichtsdestotrotz sollten sich Anwender nicht alleine dadurch verführen lassen, dass anfangs keine Lizenzkosten anfallen. "Kostenmäßig fallen vor allem die Ausgaben für Projektimplementierung und die Anpassung an die bestehende Systemlandschaft ins Gewicht", so Rüdiger Spies. Potenzielle Open Source-Kunden müssen also einkalkulieren, dass nach Projektstart immer wieder Kosten für Updates, Wartung und Support anfallen. "Alles in allem bleiben am Ende meist Einsparungen von 15 bis 18 Prozent übrig", so Spies.
Ein Anwendungsszenario zu dieser Frage liefert Experton-Analyst Velten: Open Source lohne sich insbesondere für mittelständische Firmen, die mit langem Atem spezielle Ressourcen aufbauen wollen. Der entscheidende Faktor sei Manpower: Wer über zwei oder drei junge IT-Experten verfüge, die sich intensiv in die Open Source-Materie einarbeiten, sich in den entsprechenden Communitys Wissen aneignen und die gewünschten BI-Systeme über mehrere Jahre und ohne täglichen Ergebnisdruck aufbauen können, kann am Ende auch finanziell stark profitieren.
Veltens Gegenbeispiel: Ein externer Dienstleister baut die gewünschte Open Source-BI auf, anfangs scheint alles tadellos zu funktionieren. Nach einiger Zeit benötigt das Unternehmen aber Updates oder Erweiterungen und muss feststellen, dass die Kernentwickler des Projektes beim Dienstleister von einst nicht mehr tätig sind. In diesem Fall schlägt der beschriebene Mangel an Service-Personal heftig zurück. Wer Pech habe, müsse längere Zeit im Internet nach den benötigten Experten suchen, sie am Ende aus den Vereinigten Staaten einfliegen lassen und entsprechende Honorare berappen, so Velten. In derartigen Fällen zahlte schon so mancher Open Source-Anwender am Ende dicke drauf.
Open Source-Lösungen hätten schon alleine deshalb eine Daseinsberechtigung, weil ein Markt für sie bestehe, so Finucane. Im BI-Bereich ist dieser Markt freilich klein, derzeit lediglich eine Nische. Der Nachholbedarf gegenüber den Angeboten der etablierten BI-Platzhirsche ist groß, wenngleich die Lücke langsam schrumpft. Jedenfalls konstatiert Bitterer, dass quelloffene Anwendungen in ihrer Reife immer mehr an kommerzielle herankommen würden.
"Auf einer Skala von 0 bis 10 würde ich die durchschnittliche Reife von Open Source-BI mit 4 bewerten", sagt Carlo Velten von Experton. Anwender müssten sich vergegenwärtigen, dass quelloffene Angebote zu 90 Prozent "halbwegs ordentliche Kopien bestehender IT-Lösungen" seien. Es dauere mehrere Jahre, bis die Qualität der ursprünglichen Lösungen erreicht sei – und insbesondere im besonders komplexen Gebiet der BI benötige dieser Prozess vermutlich noch zwei oder drei Jahre.
Wiederum positiver schätzt IDC die Lage ein. „In den relevanten Einsatzbereichen wie Reporting [21] und Simple Query stehen Open Source-Lösungen anderen Tools in Sachen Reife in fast nichts nach“, sagt Rüdiger Spies.
Zum Teil scheitert sie schon alleine an der technologischen Kompatibilität. Diese sei keinesfalls selbstverständlich, auch weil die BI-Riesen an ihr nicht unbedingt interessiert sind, sagt Barney Finucane.
Nichtsdestotrotz scheint hier ein Weg gepflastert, auf dem es für quelloffene BI vorangeht. "Systemintegratoren beginnen, Open Source-Technologie als Teil der Gesamtlösung zu nutzen – ein nicht zu unterschätzender Wachstumstreiber für die freie Software", heißt es bei Gartner (siehe das Beispiel Süddeutscher Verlag [17]).
Trotz der angeführten Probleme und Risiken rät Experton Unternehmen, sich in jedem Fall über BI-Alternativen auf dem Open Source-Sektor kundig zu machen. Wer dort brauchbare Alternativen finde, könne mit diesem Trumpf in Lizenzverhandlungen mit den etablierten Anbietern sehr wahrscheinlich günstige Konditionen durchsetzen, sagt Velten. Einsparungen auf Umwegen sozusagen.
Links:
[1] http://www.cfoworld.de/647/berichtswesen
[2] http://www.gartner.com/technology/home.jsp
[3] http://www.cfoworld.de/492/trendprognose
[4] http://www.cfoworld.de/11/business-intelligence
[5] http://www.cio.de/knowledgecenter/bi/2225656/index2.html
[6] http://www.cfoworld.de/33/management
[7] http://www.cfoworld.de/14/controlling
[8] http://www.cfoworld.de/49/it-management
[9] http://www.cfoworld.de/12/performance-management
[10] http://www.cfoworld.de/die-top-anbieter-von-planungs-tools
[11] http://www.cfoworld.de/business-intelligence-fuer-controller
[12] http://www.cfoworld.de/bi-tools-sind-zu-kompliziert
[13] http://www.barc.de/
[14] http://www.mysql.de/products/enterprise/
[15] http://www.cfoworld.de/598/data-warehouse
[16] http://www.experton-group.de/
[17] http://www.cfoworld.de/konzerncontrolling-mit-sap-bw-und-palo
[18] http://www.idc.de/
[19] http://www.cfoworld.de/597/data-mining
[20] http://www.cio.de/knowledgecenter/bi/897828/
[21] http://www.cfoworld.de/wie-effizient-ist-ihre-finanzabteilung
[22] http://www.cfoworld.de/forward?path=was-bringt-open-source-im-controlling
[23] http://www.cfoworld.de/print/was-bringt-open-source-im-controlling