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Behavioral Economics

What You See Is All There Is

Behavioral Economics: What You See Is All There Is
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Wie gehen wir mit unvollständigen Informationen um? Dirk Elsner packte ein Buch von Daniel Kahneman in den Urlaubskoffer. Demnach macht Nichtwissen vieles sogar leichter.

27. Aug 2012 von Dirk Elsner

Der Umgang mit unvollständigen Informationen gehört für uns Wirtschaftspraktiker zum Normalfall: Sowohl beim Steuern von Unternehmen und Projekten als auch in unserem Alltag. Wir wissen in der Regel, dass wir nicht alles wissen. Meist wissen wir aber nicht, wie wir mit diesem Nichtwissen umgehen.

Für den Sommer hatte ich mir dazu zwei Bücher in den Urlaubskoffer gepackt: Schnelles Denken, langsames Denken [1] von Daniel Kahneman und Das soziale Tier [2] von David Brooks. Beide Werke bieten interessante Einblicke in unser Denken und Verhalten.

Sie fassen bestehende Forschungsergebnisse der letzten Jahre ausgesprochen unterhaltsam zusammen. Wenn man sich für das Verhalten auch in der Wirtschaftspraxis interessiert, dann kennt man viele Erkenntnisse schon irgendwoher. Ich möchte hier eine Passage von Kahneman herausstellen. Sie handelt von Untersuchungen, wie wir mit unvollständigen Informationen umgehen:

Folgt man Nobel-Preisträger Kahneman, dann existieren keine Informationen, die wir nicht aus unserem Gedächtnis abrufen - und sei es nur unbewusst. Um dennoch auf der Grundlage unvollständiger Informationen handeln, denken oder urteilen zu können, konstruieren wir uns manchmal bewusst, meistens jedoch unbewusst Geschichten aufgrund aktiv verfügbarer Informationen und vorhandener Erinnerungen. Für unser Denken, Urteilen oder Handeln ist dabei nicht die Vollständigkeit der Informationen zu einem bestimmten Sachverhalts maßgeblich, sondern lediglich die Konsistenz der verfügbaren Daten. Übersetzt könnte das heißen: Eine Geschichte muss in sich stimmig sein. Auch diese Erkenntnis ist nicht neu, weil in der Wirtschaftspraxis viele Entscheidungsvorlagen nach diesem Prinzip verfasst werden.

Eine bemerkenswerte Folgerung daraus ist: Weniger zu wissen macht es oft sogar leichter, ein stimmiges Muster zu generieren. Unser Unterbewusstsein konstruiert als gedachte Maschine quasi Urteilssprünge, die wir für plausibel halten, wenn wir zu wenige Informationen haben - Kahneman nennt das System 1. Interessant ist, dass wir mit konstruierten, widerspruchsfreien Geschichten in der Praxis meist ziemlich weit kommen: Die Geschichten, so Kahneman, kommen der Wirklichkeit meistens derart nahe, dass damit zielführende und adäquate Handlungen unterstützt werden.

What You See Is All There Is

Die Kehrseite ist allerdings, dass sich damit auch eine lange Liste von Urteils- und Entscheidungsfehlern erklären lässt. Kahneman nennt die Selbstüberschätzung [3] (overconfidence bias), Framing-Effekte [4] und Basisratenfehler [5]. Mit der Erforschung dieser und vieler anderer für die Wirtschaftspraxis relevanter Phänomene befasst sich das Forschungsgebiet Behavioral Economics.

Kahneman nennt dieses Arbeitsprinzip unseres Gehirns What You See Is All There Is (WYSIATI) - in etwa: Es zählt nur das, was man gerade weiß. Voreilige Schlussfolgerungen auf Grundlage beschränkter Daten sind nach Kahneman wichtig für intuitives Denken. Unser unterbewusstes System 1 ist völlig unempfindlich für die Qualität und Quantität von Informationen, aus denen Eindrücke und Intuitionen hervorgehen.

Ich finde diese Gedanken gerade in Bezug auf die Wirtschaftspraxis sehr interessant: Wenn man wenig weiß und sich aufgrund der wenigen Informationen unterbewusst eine plausible Geschichte konstruiert, dann kann man sogar schneller und oft entschlossener handeln. Weiß man dagegen über einen Sachverhalt viel und ist sich der Konsequenzen seines Nichtwissens bewusst, dann denkt man viel länger nach, handelt zögerlicher und wirkt nach außen unentschlossener. Entscheider interpretieren dies gern als Unsicherheit. In der Praxis ist dies nicht gefragt.

Stimmige Geschichten kommen gut an

Daraus lässt sich freilich nicht der Schluss ziehen, Entscheidungspositionen nur mit Personen zu besetzten, die wenig oder nichts wissen. Aber man könnte daraus durchaus ableiten, wieso beispielsweise oberflächliche Präsentation oder inhaltsarme Vorträge gut ankommen, wenn sie einzig stimmig und eloquent vorgetragen werden und den Zuhörern eine stimmige Geschichte präsentieren.

Kahneman bezieht seine Ausführungen zunächst auf Alltagssituationen, in denen wir mit diesen Formen des Nichtwissens zu Recht kommen. Wir müssen also nicht wissen, wie die Einzelteile eines Autos konstruiert sind, um fahren, steuern und bremsen zu können. In der Wirtschaftspraxis ist es freilich schon hilfreich, wenn der Treasurer weiß, was ein Swap ist und wie man das Liquiditätsrisiko steuern kann. Aber wer weiß: Vielleicht haben gerade einige Banken in den letzten Jahren auf zu viele Personen gesetzt, die zwar eine stimmige Geschichte in einer guten Präsentation verpacken können, aber die eigentlichen Probleme nicht verstehen.

--- Dirk Elsner war mehrere Jahre Bereichsleiter einer Bank und Geschäftsführer einer mittelständischen Unternehmensgruppe. Heute berät er für die Innovecs GmbH [6] Banken und mittelständische Unternehmen. Daneben betreibt er privat das preisgekrönte [7] Finanzblog Blick Log [8]. Sie erreichen ihn per E-Mail unter dirk.elsner(at)innovecs.de.--- Die letzten Beiträge von Dirk Elsner:

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Quellen-URL: http://www.cfoworld.de/what-you-see-all-there

Links:
[1] http://www.amazon.de/Schnelles-Denken-langsames-Daniel-Kahneman/dp/3886808866
[2] http://www.amazon.de/Das-soziale-Tier-Menschenbild-Beziehungen/dp/3421045313
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Selbst%C3%BCbersch%C3%A4tzung
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Framing-Effekt
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4valenzfehler
[6] http://innovecs.de/
[7] http://finanzblog-award.de/news/
[8] http://www.blicklog.com
[9] http://www.cfoworld.de/fokus/finanzplanung/gespannte-erwartung-am-kreditmarkt
[10] http://www.cfoworld.de/fokus/finanzplanung/sind-guthaben-euro-gefaehrdet
[11] http://www.cfoworld.de/fokus/finanzplanung/beziehungen-mit-sollbruchstellen
[12] http://www.cfoworld.de/fokus/finanzplanung/newcomer-bremsen-sich-aus
[13] http://www.cfoworld.de/fokus/finanzplanung/banken-der-defensive
[14] http://www.cfoworld.de/fokus/finanzplanung/square-beherrscht-den-point-sale
[15] http://www.cfoworld.de/fokus/finanzplanung/mobile-payment-boomt-asien