Als CFOs suchen wir ständig nach Verbesserungspotenzialen. Die beste Kapitalrendite ist stetes Ziel, das Zusammenspiel von Kosten- und Liquiditätsoptimierung elementar wichtig. Ein Lösungsansatz liegt im Working Capital Management. Worauf nach meiner Erfahrung besonders zu achten ist, erläutere ich Ihnen anhand einiger Praxistipps.
Große Unternehmen in den USA und Europa binden im Durchschnitt etwa ein Viertel mehr Barmittel im Working Capital [1] als erforderlich wäre - das haben Untersuchungen von Gewinn- und Verlustrechnungen und Bilanzen [2] ergeben.
Solch unnötig hohe Bindung liquider Mittel geht häufig einher mit extrem hohen Forderungsbeständen [8], überflüssiger Vorratshaltung, hohen Betriebskosten oder teuren Verbindlichkeiten [9] - zudem sind sie vielfach durch unzureichend umgesetzte strategische Initiativen begleitet. Als Konsequenz generieren Unternehmen weniger potenzielle Cash Flows [6], Gewinne oder Ausschüttungen für Aktionäre und Anteilseigner und sind anfälliger für Übernahmen [10] (lesen Sie auch unserer CFOworld-Serie zur UNternehmensfinanzierung [7])
Ein effektives Working Capital Management [11] kann solche Szenarien verhindern. In der Vergangenheit hat es eher am Ende der unternehmerischen Prioritätenliste gestanden, und leider wird der Kontext einer Working Capital-Optimierung auch immer noch zu eng gesehen. Viele Unternehmen definieren dieses Kapital mit der einfachen betriebswirtschaftlichen Gleichung „Umlaufvermögen minus kurzfristige Verbindlichkeiten“.
Ganz dieser Formel entsprechend verzögern viele Unternehmen vorübergehend Zahlungen an Lieferanten oder setzen Kunden zwecks zügigerer Zahlungsleistung stärker unter Druck. Dieses Vorgehen hilft vielleicht, den Anteil gebundenen Barmittel kurzfristig verringern, doch sind die Nachteile möglicherweise gravierend: Lieferanten passen unter dem Druck ihre Konditionsfestsetzung entsprechend an und Kunden werden verprellt (lesen Sie auch unsere Tipps gegen Forderungsausfälle [8]).
Auch wenn es vor allem die Finanzabteilung ist, die sich um die Working Capital Performance kümmert, sind viele Probleme ganz einfach betrieblicher Natur. Ein Beispiel ist das Eintreiben von Forderungen. Funktioniert das nicht, kann es auch daran liegen, dass ein Unternehmen nicht das richtige Personal dazu einsetzt. Ebenso könnte es sein, dass ein Lieferant die Gesellschaft mit fehlerhaften Komponenten beliefert hat, welche die Kunden nun nicht ohne weiteres bezahlen wollen.
Vielleicht hat das Verkaufspersonal unabgestimmt längere Zahlungsfristen versprochen, die Versandabteilung hat die Liefertermine nicht eingehalten oder Produktreklamationen führen zu nachträglichen Rabattierungen. Gutschriften, unabgestimmte Teilzahlungen oder intern nicht rechtzeitig weitergeleitete Rechnungen ziehen zeitraubende Zurechnungs- und Abstimmungsprobleme im Finanz- und Rechnungswesen nach sich, können aber nicht allein durch die Inkassoabteilung behoben werden.
Genau hier setzt das integrierte und ganzheitliche Working Capital Management an, das langfristig und nachhaltig gebundene Betriebskapital verringern soll, indem es die gesamte Wertschöpfungskette des Unternehmens betrachtet.
Es muss an drei wesentlichen, im Unternehmen ablaufenden Basisprozessen ansetzen: Order-to-Cash, Purchase-to-Pay und Forcast-to-Fulfill. Werden die Potenziale in diesen Bereichen ausgeschöpft, ermöglicht das WCM eine höhere operative Geschwindigkeit in den Prozessen, geringere Fehleranfälligkeit und letztlich höhere Gewinnmargen und einen gesteigerten Unternehmenswert [12]. Im Folgenden zeige ich einige konkrete Ansatzpunkte für eine Optimierung auf.
Die Maßnahmen zur Optimierung des WCM beginnen in der Regel mit einer Analyse der Bilanz und GuV – die Working Capital Performance wird gemessen. Dazu können einzelne Tochtergesellschaften oder Niederlassungen verglichen werden, wenn die entsprechenden Daten verfügbar sind. Auf Basis der leistungsstärksten Performance wird dann ein Verbesserungspotenzial für das gesamte Unternehmen quantifiziert.
Anschließend muss der CFO eng mit den anderen Managern, Kunden und Lieferanten zusammenarbeiten, um ein zuverlässiges Umsetzungsprogramm zu entwickeln. Der CFO spielt bei diesem Prozess deshalb eine wichtige Rolle, weil er nicht nur traditionsgemäß die Messgrößen der Gesellschaft verwahrt, sondern weil er abgesehen vom CEO normalerweise auch der einzige leitende Angestellte ist, der die Abläufe der Gesellschaft voll im Überblick hat. Darüber hinaus ist er fast immer in strategische Entscheidungen eingebunden, da er diese stützen und in vielen Fällen ihre Logik auch den Investoren gegenüber artikulieren muss.
Obwohl die Herausforderungen eines optimalen WCM je nach Unternehmen variieren, zeigt die Erfahrung, dass branchenübergreifende Best- beziehungsweise Better Practices existieren, die grundsätzlich immer einsetzbar sind.
Zu besseren Übersicht finden Sie diese in den folgenden Praxiskästen:
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Es ist kein Geheimnis, dass unzufriedene Kunden ihre Lieferanten-Barmittel binden, indem sie hohe Forderungsbestände schaffen, die zu einer Anhäufung von überfälligen Forderungen führen und schließlich ausgebucht werden. Dieser Ablauf muss verhindert werden.
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Um sicherzustellen, dass solche Initiativen den gewünschten Effekt haben, müssen die Leistungen der Mitarbeiter kontrolliert und belohnt werden. Indikatoren dafür sollten klar definierte Leistungsziele festlegen, die Effizienz der Abläufe und die Finanzleistung bemessen und die unvermeidlichen Abstimmungen widerspiegeln, die zuweilen zwischen der Optimierung von Working Capital Strukturen und anderen Geschäftszielen vorgenommen werden müssen (lesen Sie auch unsere Empfehlungen zum Forderungsmanagement [13]).
Ein Beispiel für solche konfligierenden Zielsetzungen betrifft die Vorräte, die nicht auf ein Maß reduziert werden können, das so minimal ist, dass sie Lieferungen nicht mehr rechtzeitig vornehmen kann. Ein weiteres Beispiel betrifft die in der Zahlungsabwicklung aus Working Capital-Sicht angestrebten maximalen Ausnutzungen von Zahlungsfristen zur Bedienung der Lieferanten, die im Widerspruch zu aus Profitabilitätsgründen präferierten Ausnutzungen von Skonti stehen.
Dr. Stefan Gros ist ehemaliger Finanzvorstand des börsennotierten pharmazeutischen Logistikkonzerns Adreae-Noris Zahn AG (siehe CFOworld [14]), Mitglied des Deutschen Rechnungslegungsstandard Committees und Beiratsmitglied der Deutsche Bank AG. Er war als CFO und Leiter Performance Management für Mittelstand, Tec- und M-DAX Unternehmen tätig.
Kontakt: stefan.gros (at) dr-gros.de
Links:
[1] http://www.cfoworld.de/wie-effizient-ist-ihre-finanzabteilung
[2] http://www.cfoworld.de/jede-vierte-bilanz-hat-fehler
[3] http://www.cfoworld.de/33/management
[4] http://www.cfoworld.de/8/working-capital
[5] http://www.cfoworld.de/unternehmen-fuerchten-forderungsausfaelle
[6] http://www.cfoworld.de/benchmarks-fuer-ihre-prozesse-im-treasury
[7] http://www.cfoworld.de/liquide-durch-factoring
[8] http://www.cfoworld.de/geiz-ist-heil-todesurteil-forderungsausfall
[9] http://www.cfoworld.de/613/verbindlichkeiten
[10] http://www.cfoworld.de/ma-die-deutschen-top-10-im-februar
[11] http://www.cfoworld.de/640/working-capital-management
[12] http://www.cfoworld.de/515/unternehmenswert
[13] http://www.cfoworld.de/tipps-zum-forderungsmanagement
[14] http://www.cfoworld.de/finanzvorstand-stefan-gros-verlaesst-anzag
[15] http://www.cfoworld.de/forward?path=working-capital-optimieren
[16] http://www.cfoworld.de/print/working-capital-optimieren