Wirtschaft in der Türkei

Wachstum ohne EU-Standards

Wirtschaft in der Türkei: Wachstum ohne EU-Standards
© Wikimedia / Bryce Edwards

Die türkische Wirtschaft erlebte in den vergangenen 10 Jahren einen Aufschwung - trotz schlechter Prognosen. Dennoch bestehen Probleme, allen voran: fehlende EU-Standards.

14. Nov 2012

Sowohl Tayyip Erdogan, Premierminister der Türkei, als auch dessen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) verdienen Lob für die wirtschaftliche Transformation des Landes seit seiner Machtübernahme im Jahr 2002. Noch im Jahr 2001 erlebte das Land eine schwere Finanzkrise und war gezwungen, langfristig auf finanzielle Unterstützung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzugreifen.

Das letzte IWF-Programm lief im Mai 2008 aus, die letzte Kredittranche wird voraussichtlich im Jahr 2013 zurückgezahlt. Unter der Aufsicht des IWF konsolidierte die türkische Regierung ihre öffentlichen Haushalte und reformierte den ramponierten Finanzsektor. Die türkische Wirtschaft expandierte in den Jahren 2002 bis 2007 durchschnittlich um 6,8 Prozent und verzeichnete kräftige Produktivitätszuwächse. Das Pro-Kopf-Einkommen stieg von 3.002 US-Dollar im Jahr 2001 auf 10.522 US-Dollar im Jahr 2011. In dieser Dekade explodierte das BIP-Wachstum von –5,7 auf 8,5 Prozent und die Verschuldung sank beträchtlich.

Türkei bekam Abhängigkeit von der EU zu spüren

Die Glaubwürdigkeit ihrer Wirtschaftspolitik ist in den vergangenen zehn Jahren stark gewachsen. Von der globalen Krise in den Jahren 2008 und 2009 sowie der damit verbundene Kapitalflucht war die Türkei nur begrenzt betroffen - gerade auch im Vergleich zu anderen Ländern der Region. Dank der durchgeführten Strukturreformen zeigte sie sich widerstandsfähiger als ursprünglich erwartet. Aufgrund der Erfahrungen der vergangenen Jahre wurde erst davon ausgegangen, dass die Türkei ohne eine Unterstützung des IWF zum Opfer werden würde – mit den bekannten Folgen wie Kapitalflucht und unsichere Währung.

Doch die Regierung war in der Lage, antizyklische Konjunkturmaßnahmen zu ergreifen und das Haushaltsdefizit, die Staatsverschuldung und die Inflationsrate vorher zu senken. Allerdings geriet das Wachstum zwischen Ende 2008 und dem dritten Quartal 2009 ins Stocken. Grund war die plötzliche scharfe Rezession in Europa. Wegen ihrer engen Handelsverbindungen mit der EU bekam die Türkei den abrupten Rückgang Nachfrage zu spüren. Die Industrieproduktion brach ein und die Arbeitslosigkeit stieg.

Wirtschaft erholt sich von der Rezession

Trotz der Turbulenzen auf ihren wichtigsten Exportmärkten wuchs die türkische Wirtschaft in den vergangenen 3 Jahren stark und gewann verlorenes Terrain bald wieder zurück. Seit Ende 2009 ist die Türkei in der Region das Land mit dem größten Wachstum – auch wegen der Vielzahl dynamischer kleiner und mittlerer Unternehmen in Anatolien.

Im Jahr 2010 legte das BIP um 9,2 Prozent, im Jahr 2011 um 8,5 Prozent zu. Die atemberaubende Expansion war jedoch nicht dauerhaft: Die türkische Wirtschaft beschleunigte zu stark und zeigte Symptome einer Überhitzung. Die Nachfrage wurde insbesondere durch die ungestüme Erholung des Privatkonsums in Verbindung mit starkem Kreditwachstum angetrieben. Die akkommodierende Finanzpolitik der westlichen Industrieländer begünstigte Kapitalimporte und versorgte die Türkei mit billigem Geld. Das wurde über die Inlandsbanken an die Konsumenten weitergereicht, die sich ziemlich verschuldeten. Das fachte die Nachfrage nach Immobilien und Bauleistungen an. Die Türkei hat eine junge und konsumfreudige Bevölkerung, die schnell wächst. Über die Hälfte ist jünger als 30 Jahre.

Rückkehr der Inflation

Ende des Jahres 2011 beschleunigte die Inflation. Anfang des Jahres 2012 wurden ihre Raten zweistellig, der Kredit wuchs. Statt die Geldpolitik zu straffen, lockerte die türkische Zentralbank (CBT) sie anfangs noch, um so den Zufluss von volatilem Kapital zu bremsen. Gleichzeitig mühte sie sich, das Kreditwachstum durch eine Erhöhung der Mindestreserveanforderungen an die Banken zu beschränken. Das gelang: Der Kredit sinkt inzwischen. Mit dieser unorthodoxen Geldpolitik wurde im Jahr 2011 das offizielle Inflationsziel in Höhe von 5,5 Prozent deutlich verfehlt. Immerhin sank im Jahr 2012 die Rate auf 9 Prozent ab. Auch die türkische Lira geriet unter Druck: Im Jahr 2012 verlor sie gegenüber dem US-Dollar-Euro-Währungskorb mehr als 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die robuste Nachfrage führte auch zu einem Anstieg des Leistungsbilanzdefizits: Im Jahr 2011 erreichte es einen Rekord von 10 Prozent des BIP - nach bereits 6,5 Prozent im Vorjahr. Die Finanzierung des hohen Defizits über die Aufnahme kurzfristiger Darlehen im Ausland ist problematisch. Die kurzfristige Auslandsverschuldung macht derzeit 50 Prozent der Exporterlöse aus, während die Devisenreserven der Zentralbank den Bestand an kurzfristigen Schulden nicht mehr decken.

Die Indikatoren verschlechtern sich in jüngster Zeit ist rapide. Die Kapitalzuflüsse zur Deckung des Leistungsbilanzdefizits bestehen vor allem aus volatilen Portfolioinvestitionen. Das macht die Türkei verwundbar für veränderte Risikoeinschätzungen. Zumal das volatile Kapital bei sinkendem Vertrauen plötzlich abfließen könnte. Ähnliches erlebte das Land bereits im zweiten Halbjahr 2011, als die Finanzmärkte weltweit austrockneten.

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